Pierre Sanoussi-Bliss gibt den Götz bei den Burgfestspielen

Schöntal/Jagsthausen  Warum der Berliner Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss seine Titelrolle bei den Burgfestspielen mag - und was er in Jagsthausen vermisst.

Von Claudia Ihlefeld
Entspannt den Götz spielen: Pierre Sanoussi-Bliss gibt den Titelhelden bei den Burgfestspielen

Als Götz von Berlichingen trägt er auf der Bühne Rastalocken, privat mag es Pierre Sanoussi-Bliss luftiger. Foto: Claudia Ihlefeld

In der Nacht auf Montag ist er wieder mit dem Auto aus Berlin gekommen. "Ich bin ein Schauspieler auf Reisen", sagt Pierre Sanoussi-Bliss. In der kleinen Dachwohnung im Großen Garten, so seine Adresse in Schöntal für einen Sommer, bietet Sanoussi-Bliss eine Tasse Instantkaffee an, auf dem Küchentisch liegen die Textbücher für drei verschiedene Stücke.

Am Abend steht der Mann, den viele noch als besonnenen Kriminaloberkommissar Axel Richter aus der ZDF-Serie "Der Alte" kennen, als Titelheld im "Götz von Berlichingen" bei den Burgfestspielen in Jagsthausen auf der Bühne. "Bei nur neun Vorstellungen in zwei Monaten blättert man jedes Mal aufs Neue den Text im Kopf durch", sagt er. "Goethes Sprache ist keine Alltagssprache, schwer reinzukriegen - und dann auch zu behalten."

Wo andere im Auto Musik hören, lernt er seinen Text

Und so "quatscht" er, "wo andere Musik hören", auf der sechsstündigen Fahrt von Berlin den Text mit, den er sich mit Anmerkungen aufs Handy eingesprochen hat. Vergangene Woche war der schlaksige Mann beim Filmfest in München. "Es ging um ein, wie sagt man heute, Panel - also eine Gesprächsrunde - über Schwule, Queere, kurzum um Diversität in der deutschen Filmbranche."

Wie ist es darum bestellt 2019? "Es traut sich doch fast keiner, sich zu outen", sagt Pierre Sanoussi-Bliss, der mit seinem Mann in Berlin-Mitte lebt. "Das hat nichts mit dem Publikum zu tun. Sondern mit den Filmredakteuren und Castern."

"Das mag ich, wenn Regisseure farbenblind sind"

"Nennen Sie mir drei farbige Schauspieler. Na? Das kommt in Deutschland nicht vor, schade und peinlich ist das." Umso mehr schätzt er es, bei den Burgfestspielen - wo er zudem im Musical "The Addams Family" zu sehen ist -, dass er nicht mit "schwarzen Rollen" besetzt ist. "Das mag ich sehr, wenn Regisseure farbenblind sind."

Wie wenig selbstverständlich Herkunft mitunter selbst am Theater ist, hat Sanoussi-Bliss Anfang der 90er Jahre ausgerechnet bei den Salzburger Festspielen erfahren. Regisseur Peter Stein hatte ihn für seine "Julius Cäsar"-Inszenierung engagiert.

Am letzten Abend taten sich Kollegen zusammen, um Fahrgemeinschaften zurück nach Berlin zu bilden. Als er erwähnte, er müsse nach Prenzlauer Berg, wollte ein Kollege wissen, ob er "rübergezogen" sei. Er habe da immer schon gewohnt, klärte Sanoussi-Bliss auf, was die anderen zu einem "Was, du bist Ossi?" veranlasste.

Bekannt aus Doris Dörries preisgekröntem Film "Keiner liebt mich"

1962 als Sohn eines Studenten aus Guinea und einer Lehrerin aus Sachsen in Ost-Berlin geboren, hat Pierre Sanoussi-Bliss an der Hochschule Ernst Busch studiert, war Ensemblemitglied des Staatsschauspiels Dresden, spielte Gastrollen am Deutschen Theater Berlin, war mit seiner tiefen, sonoren Stimme in Doris Dörries preisgekröntem Film "Keiner liebt mich" und in "Alles wird gut" zu sehen. Seit ihm das ZDF beim "Alten" 2014 nach 18 Jahren plötzlich gekündigt hat, spielt er ausschließlich Theater.

"Das ist deutsche Wirklichkeit, dass ich seit viereinhalb Jahren keine TV-Rolle angeboten bekomme." Weil er den Mund aufgemacht hat, vermutet er, als es der damals 52-Jährige bedauerte, "dass ein alter schwarzer Mann mit einer jungen weißen Kollegin ausgetauscht wird". Was nichts mit der Kollegin zu tun hatte: "Ich fand es einfach schade, dass es eine Farbe weniger gab im deutschen Fernsehen."

Pierre Sanoussi-Bliss als Götz von Berlichingen
Pierre Sanoussi-Bliss als Götz von Berlichingen im Burghof. Foto: Burgfestspiele Jagsthausen

"Ich versuche nicht, der Götz des 16.Jahrhunderts zu sein"

Hier im Jagsttal hat er "nur Positives" erlebt. Auch wenn es ihm ohne Arbeit in der Abgeschiedenheit der Provinz "zu fad" wäre: "Das sind hier keine Hinterwäldler", freut er sich, wenn etwa eine Frau im Fitnesszentrum Forchtenberg ihn mit "Sie sind doch unser neuer Götz" anspricht. Überhaupt der Götz.

"Das mit den Rastalocken war meine Idee." "Ich versuche nicht, der Götz des 16. Jahrhunderts zu sein, sondern nehme mir die Freiheit, mit der Rolle frei umzugehen." Was auch im Sinne von Regisseur Sewan Latchinian ist. "Man muss doch trennen", sagt Sanoussi-Bliss, "zwischen dem Götz, wie es ihn im 16. Jahrhundert gegeben hat, und dem, den der 22-jährige Goethe über 200 Jahre später erfindet." "Ich liebe den Götz sehr", räsoniert er weiter und rückt die schwarze Hornbrille zurecht.

"Götz ist im Denken seiner Zeit naiv und arglos im positiven Sinne", fühlt sich Sanoussi-Bliss in Rollen wohl, "die weit weg von mir sind". Es heißt ja Schau-Spieler, erinnert er an das Wesen seines Berufs. "Das Spiel mit der Figur findet in den Proben statt, vor der Premiere. Das fertige Stück ist der kleinste gemeinsame Nenner mit Regie und Kollegen."

Dass es keine Premierenfeier gab, wundert ihn

Pierre Sanoussi-Bliss genießt den Sommer in Schöntal. "Dass sie uns nach dem ,Götz", dem Stück, um das sich hier alles rankt, keine Premierenfeier geschenkt haben", wundert ihn indes. "Ich hätte mich gefreut, wenn ich meine Apfelschorle nicht hätte selbst bezahlen müssen," ist er ein Mann klarer Worte.

Der Schauspieler: 1962 in Ost-Berlin geboren, studierte Pierre Sanoussi-Bliss an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Bundesweit bekannt wurde er als Kriminaloberkommissar Axel Richter in "Der Alte". Im Kino war er unteren anderem in Doris Dörries "Keiner liebt mich" zu sehen. Sanoussi-Bliss schreibt Drehbücher und führt Regie. 2017 erschien sein Kinderbuch "Der Nix". Mit seinem Mann wohnt Pierre Sanoussi-Bliss in Berlin.


Die nächsten "Götz"-Vorstellungen: www.burgfestspiele-jagsthausen.de

 


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