Ob freie oder etablierte Kunst: Es tut sich was in Heilbronn

Heilbronn  Ein soziokulturelles Zentrum in der Bahnhofsvorstadt, Theater entdeckt Wissenschaft, ein Literaturhaus und ein neuer Intendant für das Württembergische Kammerorchester: Was die regionale Kultur 2019 diskutiert hat und was 2020 kommen soll.

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Ob freie oder etablierte Kunst: Es tut sich was in Heilbronns Kulturszene

Künstler, die von Anfang an dabei sind, und junge Kollegen in der Zigarre: Im Oktober hat das Künstlerhaus Heilbronn sein 30-jähriges Bestehen gefeiert.

Foto: Mugler

Manches wird in Erinnerung bleiben, anderes nicht. Versteht man die Arbeit an Kunst und Kultur als Prozess, so wird sich Vieles weiterentwickeln in Heilbronn und in der Region. 2020 – zwei Null, zwei Null – klingt vielversprechend.

Die Kulturkonzeption der Stadt Heilbronn, die seit Februar als Broschüre vorliegt, will umgesetzt werden. Ein zentraler Punkt ist die Einrichtung des Soziokulturellen Zentrums (SKZ) in der Bahnhofsvorstadt. Nach Plänen von Daniel Schütt, dem Leiter des Popbüros, wird das SKZ im Olgazentrum angesiedelt. Die Trägerschaft wird im Frühjahr ein neu zu gründender Verein „Freies Kulturzentrum Maschinenfabrik“ übernehmen. Die offene Jugendarbeit der Stadt wird künftig im Wilhelm-Waiblinger-Haus stattfinden, dorthin, aber auch mit dem Kunst- und Kulturwerkhaus Zigarre soll es „eine informelle und bedarfsgerechte Zusammenarbeit im Sinne der Zielgruppen und der Quartiersentwicklung geben“.

30 Jahre Künstlerhaus Heilbronn

Seit 20 Jahren als eine Art soziokulturelles Zentrum wahrgenommen wird das Kunst- und Kulturwerkhaus Zigarre. Keimzelle und stärkste Gruppierung der Zigarre ist das Künstlerhaus, das im Oktober 30 Jahre Ausstellungsarbeit und Aktionen gefeiert hat: 30 Jahre Künstlerhaus, von der ehemaligen Schulbaracke in der Achtungstraße in die Zigarre. Wer heute von der Entwicklung der Bahnhofsvorstadt spricht, darf nicht vergessen, dass hier vor drei Jahrzehnten freischaffende Künstler das Potenzial erkannt haben.

Alles anders beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn? Das WKO bekommt mit Rainer Neumann einen neuen Intendanten, nachdem das Ausscheiden der Vorgängerin Madeleine Landlinger zum Jahresende just in der Sommerpause unprofessionell kommuniziert wurde. Ihr Vertrag wurde vorzeitig aufgelöst. Der 62-jährige Neumann ist noch Orchesterdirektor am Nationaltheater Mannheim.

Musik liegt in der Region grundsätzlich in der Luft. Zwei Mal in diesem Jahr präsentierte sich Claudio Vandelli als Dirigent im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau. Ab Januar 2020 steht der 52-jährige Mailänder dann als Chefdirigent am Pult der Würth Philharmoniker.

Ob freie oder etablierte Kunst: Es tut sich was in Heilbronns Kulturszene

Noch ist Rainer Neumann Orchesterdirektor am Nationaltheater Mannheim. Ab wann genau der neue Intendant die Geschicke des WKO leitet, ist offen.

Foto: Berger

Mit Science & Theatre fand im November erstmals ein internationales Festival am Heilbronner Theater statt in Kooperation mit der Experimenta, das sich an der Schnittstelle zwischen darstellender Kunst und Wissenschaft bewegt und Fragen nach dem gesellschaftlichen Wandel stellt als Folge der technischen Revolution. Zudem gab es einen Autorenwettbewerb zum Thema „Der optimierte Mensch“. Das Siegerstück „Schwarze Schwäne“ von Christina Kettering verhandelt die Folgen, wenn humanoide Roboter Pflegedienste übernehmen.

Integration Das Kunstprojekt „Migration und Pflanze“ von Silke Wagner hat an 13 Stationen in der Innenstadt auf ein aktuelles Thema hingewiesen: Die alltägliche Integration von Basilikum, Tomate, Spinat, Erbse und Flieder in Küche und Garten hat Wagners Konzeptkunst ebenso inspiriert wie der hohe Migrationsanteil in Heilbronn. Diesen Beitrag des Kunstvereins Heilbronn zum Buga-Jahr wie auch zu einem relevanten Gegenwartsthema hat das Regierungspräsidium Stuttgart unterstützt.

Im September haben die Städtischen Museen Heilbronn die Trägerin des Ernst-Franz-Vogelmann-Preises 2020 bekanntgegeben: Mit Ayse Erkmen wird erstmals eine Frau geehrt. Eine Bildhauerin, die bevorzugt im öffentlichen Raum arbeitet und in Berlin und Istanbul lebt. Ab Juli widmen die Städtischen Museen Erkmen eine Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann.

Ein ambitioniertes Programm für Heilbronns neues Literaturhaus

Eigentlich sollte es früher fertig sein, Bauvergabe und Ausschreibung zu Sanierung und Umbau haben länger gedauert. Wenn Ende Juli 2020 im Trappenseeschlösschen das Literaturhaus eröffnet wird, darf Heilbronn beweisen, wie ernst es der Stadt ist, sich auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften zu profilieren. Literaturhausleiter Anton Knittel hat ein ambitioniertes Programm geschnürt, das bereits in den Monaten vor der Eröffnung mit Lesungen und Vorträgen renommierte Autoren und Wissenschaftler verpflichtet.

Die Tagung „Hölderlin und Kleist“ im Oktober ist ein Beitrag zum Hölderlin-Jahr, das den 250. Geburtstag des Dichters feiert, der 1770 in Lauffen auf die Welt kam. Das Kleist-Archiv Sembdner mit rund 250 Regalmetern Sekundärliteratur und Materialien zu Heinrich von Kleist bleibt entgegen der Ankündigung, wo es schon immer sein Dasein fristet: im K 3. Im Trappenseeschloss ist schlicht kein Platz.

 

 

 

 

 

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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