Nora Fingscheidt hat in Ludwigsburg studiert - und mit ihrem Film "Systemsprenger" überzeugt

Ludwigsburg/München  Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger" geht als deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen und kommt am 19. September in die Kinos. Die Regisseurin hat in Ludwigsburg studiert und erzählt im Interview über die intensive Recherche zum Film.

Eine Mischung aus Wut und Verletzlichkeit

Fällt durch extremes, aggressives Verhalten auf: Die elfjährige Helena Zengel verkörpert in "Systemsprenger" die Protagonistin Benni.

Foto: Peter Hartwig

Für Nora Fingscheidt war es ein aufregendes Jahr. Erst gewann die Regisseurin für ihr Spielfilmdebüt "Systemsprenger" den Silbernen Bären bei der Berlinale, dann wurde das Drama als deutscher Kandidat im Oscar-Rennen für das kommende Jahr ausgewählt. Am 19. September kommt der Film in die Kinos.

Im Interview spricht Fingscheidt, die in Ludwigsburg an der Filmakademie studiert hat, über die Dreharbeiten und über schwierige Erlebnisse bei der Recherche.

 

Frau Fingscheidt, im Februar haben Sie für "Systemsprenger" den Silbernen Bären bei der Berlinale gewonnen. Was ist seitdem passiert?

Nora Fingscheidt: Es hat sich eine Menge verändert. Nach der Berlinale hatte ich sofort 35 Drehbücher in meinem E-Mail-Posteingang. Es war eine bunte Mischung und ich musste lernen, wie man damit umgeht und alles filtert. Der Film begleitet mich und mein Team bis heute mit Trailerdiskussionen, Pressetexten, Filmfestivals und dem Kinostart im September. Und wir freuen uns natürlich riesig über die Vornominierung für den Oscar.

 

Der Film erzählt von einem jungen Mädchen, dessen extremes, aggressives Verhalten das System der Jugendhilfe überfordert. Wie sind Sie auf diese Thematik gestoßen?

Fingscheidt: Ich bin bei den Dreharbeiten für ein anderes Projekt darüber gestolpert, das war ein Dokumentarfilm über ein Haus für wohnungslose Frauen in Stuttgart. Während wir dort drehten, zog ein 14-jähriges Mädchen ein. Es war schockierend, und ich fragte mich sofort: Was macht denn ein Teenager hier? Die Sozialarbeiterin hat den Begriff Systemsprenger benutzt, meine erste Berührung mit der Thematik.

 

 

Ihre Systemsprengerin verkörpert die elfjährige Helena Zengel, die die Protagonistin Benni spielt.

Fingscheidt: Wir haben sie über ein großes Kindercasting gefunden. Sie hat uns total beeindruckt, weil sie eine Mischung aus Wut und Verletzlichkeit hatte. Sie konnte das Ausrasten mit einer Verzweiflung koppeln, war nie nur das aufmüpfige, verzogene Kind, sondern immer steckte mehr dahinter. Helena hat eine wahnsinnig große Präsenz und Bandbreite, auch in stillen Szenen.

 

Wie bringt man einem Kind bei, eine solche Rolle zu verkörpern?

Fingscheidt: Man braucht dafür viel Zeit und Behutsamkeit. Helena und ich haben sechs Monate miteinander gearbeitet, bevor wir überhaupt angefangen haben, zu drehen. Wir waren zusammen einkaufen, haben Klamotten für ihre Rolle ausgesucht, haben zusammen das Drehbuch gelesen und darüber gesprochen. Sie war auch bei den Castings für die Erwachsenenrollen dabei und hat dadurch das Universum ihrer Rolle kennengelernt. Nach sechs Monaten konnte sie spielerisch in und aus ihrer Rolle schlüpfen. Um das Ganze zu verarbeiten, haben wir jeden Tag eine Art Drehtagebuch geschrieben.

 

Die Einrichtungen der Jugendhilfe, die Eltern ... einen Schuldigen bei der komplexen Thematik gibt es in Ihrem Film nicht. War das eine bewusste Entscheidung?

Fingscheidt: Ja, denn so einfach ist es im Leben meistens nicht. Man möchte gerne in Opfer und Täter kategorisieren. Am Anfang dachte ich auch: Das System ist schuld. Aber: Die Leute, die man vor Ort trifft, geben ihr Bestes. Sie versuchen mit der wenigen Zeit und dem geringen Personalschlüssel zu helfen, müssen sich aber gleichzeitig auf zehn Kinder konzentrieren und die Bürokratie erledigen. Mein Blick auf die Welt ist während der langen Recherche differenzierter geworden.

 

Eine Mischung aus Wut und Verletzlichkeit

Nora Fingscheidt hat an der Filmakademie Ludwigsburg studiert.

Foto: Leutert

Ein gutes Stichwort. Sie haben in der Vorbereitung für den Film viele Wochen in Einrichtungen der Jugendhilfe und in einer Psychiatrie verbracht.

Fingscheidt: Das ist schockierend, vor allem wenn man aus einer halbwegs heilen Familie kommt. Man wird mit einer Realität konfrontiert, die man erst mal aushalten muss. Ich habe bei der Recherche auch mal ein Jahr Pause machen müssen, weil ich gemerkt habe, dass sich zuviel anhäuft und mein Weltbild sich verfinstert. Danach ging es wieder.

 

In einer Nebenrolle ist Comedian Tedros Teclebrhan (Teddy Comedy) zu sehen. Erstaunlich bei einem Film mit solch einem ernsten Thema.

Fingscheidt: Ich muss gestehen, dass ich nicht auf dem Schirm hatte, dass er ein Comedian ist (lacht). Ich fiel aus allen Wolken, als ich gemerkt habe, dass er andauernd angesprochen und um Fotos gebeten wird. Ich habe aber nicht seine Comedyrollen, sondern die Privatperson kennengelernt: ein ruhiger, intelligenter, entspannter und trotzdem humorvoller Mensch. Deshalb wollte ich mit ihm arbeiten.

 

Sie leben in Hamburg. Eigentlich war "Systemsprenger" als Abschlussarbeit Ihres Studiums an der Filmakademie in Ludwigsburg geplant.

Fingscheidt: Wir hatten nicht früh genug die Zusage eines Fernsehsenders, das Projekt als Diplomfilm zu machen. Im Nachhinein bin ich froh, dass es so gelaufen ist. Ludwigsburg ist eine tolle Stadt, ich habe dort neun Jahre gelebt, meinen Sohn großgezogen. Wir sind aber schwersten Herzens in den Norden gegangen, denn der Großteil der Familie ist im Hamburger Raum ansässig.

 

Kinostart in Heilbronn

"Systemsprenger" läuft ab dem 19. September im Arthaus-Kino Heilbronn.

 


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung, ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Theater und Kabarett.

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