Neuer Konzertbegleiter: WKO testet Klassik-App "Wolfgang"

Heilbronn  Ablenkung oder Gewinn? Bei einer offenen Probe des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn können Besucher auf ihrem Smartphone Informationen zum Konzert zeitgleich verfolgen. Ob dieses Angebot junge Konzertbesucher anspricht?

Von Claudia Ihlefeld
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Der neue Konzertbegleiter: WKO testet Klassik-App "Wolfgang"

Zuhören, aufs Handy schauen oder beides? Das Publikum ist gespalten.

Ardacan Kilickaya war noch nie bei einem Konzert des Württembergischen Kammerorchesters. An diesem Mittwoch, kurz nach 12.30 Uhr, wartet der 18-jährige Schüler des Elly-Heuss-Knapp- Gymnasiums im Foyer der Harmonie Heilbronn, dass der Saal geöffnet wird für eine Premiere.

Das WKO testet eine App für Untertitel im Konzert. Ob Kilickaya auch gekommen wäre, wenn nicht die Musikklasse samt Lehrer an diesem Experiment mitmachen würden? Der junge Mann lächelt mehrdeutig.

Junge Konzertbesucher ansprechen

Junge Leute wie ihn will das WKO ansprechen, um Schwellenängste abzubauen gegenüber klassischer Musik. Doch ist es nicht immer eine Generationenfrage. Leonie Mauch, gleiche Schule, gleiches Alter - "ich bin freiwillig hier" -, besucht ab und zu ein Konzert des Württembergischen Kammerorchesters und ist skeptisch. "Im Konzert geht es um die Musiker, das Live-Erlebnis. Jedes Orchester interpretiert ein und dasselbe Stück anders. Sonst könnte man sich eine CD anhören." Sie stört es sogar, wenn jemand während des Konzerts die Partitur liest.

In den Niederlanden entwickelt, wird in Deutschland die App "Wolfgang" bisher nur von den Münchner Symphonikern ihren Abonnenten angeboten - ohne Testphase. In Heilbronn möchte man zuerst wissen, wie "Wolfgang" beim Publikum ankommt.

Feedback-Zettel sollen ausgefüllt werden

Im Foyer und auf den Stühlen im Saal liegen Feedback-Zettel, die die Besucher nachher bitte ausgefüllt in eine Box werfen sollen. An zwei Terminen lädt das WKO zu offenen Proben ein und stellt eine Stunde lang die App zur Verfügung, die live geschaltet wird. Unter www.wolfgang.ni installiert man die App, die dann in knappen Sätzen informiert über den Komponisten, die Entstehung des Stücks, einzelne Instrumente und Besonderheiten.

Knapp 150 Besucher sind zur ersten öffentlichen Probe mit "Wolfgang" gekommen, einige auch, um explizit Ruben Gazarian, den ehemaligen WKO-Dirigenten, zu hören, der jetzt gleich Edvard Griegs Suite "Aus Holbergs Zeit" mit den Musikern einstudiert: für die China-Tournee, die das Orchester ab diesem Sonntag bis 3. März ins Reich der Mitte führt.

"Wir haben doch so gute Einführungen hier"

Ingeborg Schäffner, 62, ist "äußerst skeptisch". "In Salzburg fliegt raus, wer sein Handy anlässt. Wir haben doch so gute Einführungen hier. Und wenn schon eine App, dann sollte man sie vorher herunterladen können, wie das im Festspielhaus Baden-Baden möglich ist."

Natürlich hat sie "Wolfgang" installiert, testen möchte sie das wohl. Ebenso Volkmar Kott, 71, der gespannt ist und offen. Obwohl es ihn "ungemein stört, wenn jemand während der Vorstellung oder im Kino auf sein Handy starrt. Vielleicht aber ist es die Möglichkeit, neben Silberlocken wie mich die Jugend anzusprechen."

Beides tun fällt schwer: zuhören und lesen

Der neue Konzertbegleiter: WKO testet Klassik-App "Wolfgang"

Offene Probe mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn: Zeitgleich zum Konzert bietet die App "Wolfgang" Informationen zum Stück.

Fotos: Mario Berger

Brigitte Riemer ist der Musik wegen hier. "Ich brauche das nicht", sagt sie, schließt die Augen und genießt. Während ihr Nachbar auf das Display schaut. "Vergiss" nicht, den Ton deines Handys auszumachen", ermahnt "Wolfgang" - und los geht es mit Infos zum Präludium, die dezent leuchten auf dunklem Hintergrund.

Beides gleichzeitig tun, fällt schwer: sich auf die Musiker konzentrieren und mitlesen, warum der zweite Satz eine getragene Sarabande ist, die ersten Violinen eine innige Melodie singen, die Suite filigran ist und es gleich einen lauten Höhepunkt gibt. Einen echten romantischen Brecher, laut "Wolfgang".

Der Blick in die Runde zeigt: Viele lauschen ausschließlich der Musik, andere kämpfen mit dem Handy, weitere lesen mit. "Für Leute, die nicht wissen, wann sie klatschen sollen", raunt eine Traditionalistin.

Die Reaktionen auf "Wolfgang" sind gespalten

Nach einer Stunde ist die Resonanz gespalten. "Die Texte waren gut, auch gut lesbar. Aber mich lenken sie ab", meint Ingeborg Schäffner. Auch Leonie Mauch bleibt dabei, "dass der Musikgenuss intensiver ist ohne App". Doch sie räumt ein, dass "Wolfgang" für jene, die keine Erfahrung haben mit klassischer Musik, eine erste Begegnung sein kann.

Was Wolfgang Amadeus Mozart gesagt hätte? "Es hätte ihm gefallen", erinnert Case Scaglione daran, dass im 18. Jahrhundert Konzertbesucher Getränke mitnahmen und der Musikgenuss insgesamt "sehr chilled out" war.

Für den WKO-Dirigenten und Gazarian-Nachfolger bietet die App eine Chance, mit moderner Technologie Zugang zur Klassik zu schaffen. "Vielleicht bin ich zu sehr Amerikaner", kokettiert Scaglione, der nach einer Tournee durch Belgien gern bei seinem Heilbronner Orchester vorbeischaut.


Was man noch über die Klassik-App wissen sollte

In den Niederlanden wurde die Klassik-App "Wolfgang" entwickelt, auch der belgische Markt zeigt Interesse, in Deutschland wird die App bisher nur von den Münchner Symphonikern eingesetzt. Und so testet das Württembergische Kammerorchester als zweites Orchester in Deutschland "Wolfgang" und lädt Interessierte ein, während einer offenen Probe die neue Technologie zu prüfen. Die nächste Gelegenheit besteht bei der Generalprobe für das 9. Heilbronner Konzert unter der Leitung von Tung-Chieh Chuang am Mittwoch, 8. Mai, 10 bis 11 Uhr (Treffpunkt: 9.30 Uhr in der Harmonie).

Wer dabei sein möchte, meldet sich per E-Mail an, um über die App vorab informiert zu werden: Anmeldung unter kopfhoerer@wko-heilbronn.de. Die App kann man zu Hause downloaden sowie die Sprache einstellen, sie wird allerdings erst zu Beginn der Probe freigeschaltet. Informationen zu "Wolfgang" gibt es unter www.wolfgangapp.nl. Für die Bedienung der App wird das Wlan der Harmonie zur Verfügung gestellt.

 


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