Literaturkritiker Denis Scheck und Rainer Moritz begeistern auf der Buga

Heilbronn  Rund 750 Literatur-Fans sind am Mittwochabend an der Buga-Fährlebühne mit dabei. Die beiden Kritiker stellen jeweils neun Bücher vor und geben Einblicke in ihre literarische Sozialisation.

Von Leonore Welzin
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Abwechselnd und mit guten Argumenten arbeiten sie sich jeweils durch neun Bücher: Denis Scheck (links) und Rainer Moritz verwandeln die Fährlebühne in einen Salon d"ésprit.

Foto: Leonore Welzin

Wer Denis Scheck und Rainer Moritz je solo erlebt hat weiß, dass hier zwei beschlagene Alphatiere des Literaturbetriebs unterwegs sind. Der gebürtige Heilbronner Moritz, Lektor verschiedener Verlage, leitet seit 2005 das Hamburger Literaturhaus. Der gebürtige Stuttgarter Scheck übernimmt mit dem TV-Magazin "druckfrisch" seit 2003 einmal monatlich die mediale Meinungsführerschaft zur Frage "Was ist lesenswert und warum?" Unter dem Titel "Scheck & Moritz - Die Herren erzählen aus ihrem Leben und stellen neue Bücher vor" hat die Stadtbibliothek Heilbronn auf die Buga geladen.

Die Kritiker geben Einblicke in ihre Jugend

Der Rückgriff auf ein Format, das die beiden in besonderer Verbundenheit zu einer Buchhandlung auf der Insel Rügen seit geraumer Zeit kultivieren (einmal jährlich) und das Moritz, dank Kontakte zur Stadtbücherei, nun exklusiv für die Buga angeboten hat, erweist sich als Coup: Schon bei der literarischen Sozialisation tun sich Abgründe auf: Der 13-jährige Denis gibt sich als Literatur-Agent aus und verkauft (dank tiefer Stimme) dem Playboy ein Interview mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Alex Haley, während Rainer im gleichen Alter das evangelische Gemeindeblatt austrägt. Duschen oder Baden? Fix und Foxy oder Donald Duck?

Gewitzt werden Differenzen ausgereizt. Leichtfüßig und schlagfertig bieten sich die beiden Pari. "Ich lasse Herrn Scheck das erste Wort, damit ich das letzte habe", erklärt Moritz und so eröffnet Scheck mit einem Schmöker weltläufiger Gastronomie: "Alles Gute: Die Welt als Speisekarte." Moritz hält mit Christoph Wagners "Jodelmania" dagegen und folgt dem Tiroler Trillern in freier Wildbahn bis nach Amerika. Erkenntnisgewinn, wenn das Vertraute im Fremden zurück starrt, sei eine der vornehmsten Aufgaben der Literatur, sind sich beide einig.

Denis Schick zieht eine offensichtliche Parallele

Scheck fährt mit Karen Köhlers "Miroloi" fort und gesteht, dass er dieses Totenlied der Hauptperson - sie lebt in einer radikal religiösen Dorfgemeinschaft jenseits der modernen Zivilisation - schon wegen der Wortfindung "Korabel" (Koran, Tora und Bibel) liebe. Offensichtliche Parallelen gegenwärtiger Unterdrückung und Ausbeutung zieht der echauffierte Kritiker: "Eigentlich müsste man sagen, dass Piëch das Unternehmen in ein Verbrecherkartell verwandelt hat." Dafür gibt"s Applaus.

Abwechselnd und mit guten Argumenten arbeiten sie sich jeweils durch neun Bücher. Zu einem Drittel Autorinnen hat Moritz Ursula März" "Tante Martl", Kathy Pages "All unsere Jahre" und Terézia Moras "Auf dem Seil" mit auf der Liste, während Kollege Scheck dem Publikum Anne Carsons "Rot", Valeria Luisellis "Archiv der verlorenen Kinder" und Nora Krugs "Heimat", eine Graphic-Novel, ans Herz legt.

Die Fährlebühne verwandelt sich bei schönstem Spätsommerwetter in einen Salon d"ésprit. Frech haut Scheck dem Kontrahenten seine Vorliebe für Schmelzkäseecken um die Ohren: "Der Weg zur Hölle ist mit Schmelzkäseecken gepflastert." Das letzte Wort? "Das Glück ist etwas mit Käse überbackenes", Moritz zitiert Terézia Mora, eine Autorin, von der Scheck weiß: "Wir werden nie zusammen kommen!"


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