Kunst des furchtlosen Fragens: Marcel Ophüls' Doku "Novembertage" im Arthaus

Heilbronn  Theater Heilbronn und Arthaus-Kinos erinnern in ihrer Veranstaltungsreihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft" an deutsch-deutsche Geschichte - und zeigen den Dokumentarfilm "Novembertage" von Marcel Ophüls über den Umbruch 1989/90.

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Kunst des furchtlosen Fragens: Marcel Ophüls' Doku "Novembertage" im Arthaus
Schwarze Komödie oder aus heutiger Sicht eher eine Tragödie? Mirjam Meuser, Dramaturgin am Heilbronner Theater, und Filmpublizist Ralph Eue. Foto: Ekkehart Nupnau

Von seiner furchtlosen Art, Fragen zu stellen, können sich Journalisten eine Scheibe abschneiden. Als "investigativen Sarkasmus" bezeichnet der Filmemacher Marcel Ophüls seine Methode. Nachhaken, den Stachel löcken, durchaus provozieren und sich dabei selbst ins Spiel bringen: um die Ablenkungs- und Ausweichmanöver seiner Gesprächspartner vorzuführen wie in "Novembertage - Stimmen und Wege", seinem mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm über den Umbruch 1989 und "90 in der DDR.

Großes Interesse an der Erinnerung an den Mauerfall

Im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft" zu 30 Jahre Mauerfall hat das Theater Heilbronn in Kooperation mit dem Arthaus-Kino Ophüls Streifen, der nach drei Jahrzehnten nichts an erfrischendem Charme und Subversivität verloren hat, auf die Leinwand geholt. Und dazu den Filmpublizisten und ausgewiesenen Ophüls-Kenner Ralph Eue für das anschließende Publikumsgespräch.

 

So lebhaft ist das Interesse am Montagabend, dass die Vorführung in Saal 1 der Arthaus-Kinos verlegt wird: just an dem Tag, am 4. November, an dem vor 30 Jahren die große Demonstration in Berlin stattfand. Rund 500.000 Menschen kamen damals auf den Alexanderplatz, das DDR-Fernsehen übertrug live diese erste offiziell genehmigte Demonstration, die nicht vom Machtapparat der DDR organisiert wurde.

Bevor Mirjam Meuser, Dramaturgin und engagierte Kuratorin der Veranstaltungsreihe, die in Diskussionsrunden, Filmsichtungen und Lesungen mit Gästen aus Kultur, Wissenschaft und Politik einmal im Monat der deutsch-deutschen Geschichte nachspürt, das Gespräch eröffnet, laufen 129 kurzweilige Minuten lang Ophüls "Novembertage". Beauftragt von der BBC London, einen Film über den Mauerfall zu drehen, machte der Oscar-prämierte Regisseur aus der Not, dass zu dem Zeitpunkt die Mauer bereits gefallen war, ein Prinzip.

Über den Regisseur

1927 in Frankfurt am Main geboren, wuchs der für "Hôtel Terminus: Zeit und Leben des Klaus Barbie" mit dem Oscar prämierte Regisseur und Dokumentarfilmer Marcel Ophüls auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Frankreich und den USA auf. Der Sohn des Filmregisseurs Max Ophüls und der Schauspielerin Hilde Wall studierte am Occidental College in Kalifornien sowie an der Sorbonne in Paris und war zwischen 1956 und 1959 Hörfunk- und Fernsehredakteur beim Südwestfunk in Baden-Baden. Ophüls lebt in Frankreich.

Ein sehr persönlicher Stimmungsbericht

In einer Anzeige in der "Berliner Morgenpost" suchte er Personen, die dabei waren und zeigte Fotos mit der Frage "Wer erkennt sich wieder?". "November Days" gerät so zu einem vielschichtigen und in jeder Hinsicht sehr persönlichen Stimmungsbericht über den Mauerfall und die Monate danach. Ein Dokumentarfilm der eigenwilligen Art, der, wie stets bei Ophüls, Spielfilmelemente enthält, wenn er durch die Gegenwart von 1990 und die Vergangenheit von 1989 navigiert.

Eine "Zeitkapsel" nennt es Ralph Eue, die den dichten Blick auf Haupt- und Nebendarsteller dieses folgenreichen Umbruchs 1989/90 ermöglicht. Ein Kaleidoskop aus Gesprächen mit Zeitzeugen, Machthabern, Funktionären, Mitläufern, Oppositionellen und sogenannten einfachen Bürgern. Ophüls verlinkt und kommentiert die bis zur Selbstentblößung privaten Begegnungen mit Nachrichtenbildern und Szenen von der Straße.

Ophüls stellt Fragen, die sonst keiner stellt

Und er konterkariert deutsche Geschichte mit Filmausschnitten aus "Der blaue Engel", "To be or not to be", "Stagecoach", "Cabaret", "Das weiße Rößl" und weiteren Klassikern. Mit einer Leichtigkeit, bei der seine eigene Geschichte mitschwingt, stellt der Sohn von Max Ophüls, der sich als französisch-deutscher Jude versteht, Fragen, die sonst keiner stellt.

An Günter Schabowski, einst Mitglied des Zentralkomitees der SED, an Egon Krenz, wenige Wochen Nachfolger Honeckers als SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender, an Markus Wolf, den ehemaligen Chef der DDR-Auslands-Spionage. Marcel Ophüls stellt Fragen an Menschen, die den Mauerfall als Befreiung und Geschenk erlebt haben, und an andere, die fürchten, nun von der Bundesrepublik geschluckt zu werden.

Kunst des furchtlosen Fragens: Marcel Ophüls' Doku "Novembertage" im Arthaus
Regisseur und Komödiant: Wenige Monate nach dem Mauerfall kehrt Marcel Ophüls zurück und befragt Menschen, wie sie den Umbruch erlebt haben. Foto: absolut Medien GmbH

Mit Verve und subversiver Kraft entlarvt Ophüls die Widersprüche des linientreuen Schriftstellers Stephan Hermlin, bohrt nach bei Heiner Müller ("Mit Diktaturen kann ich umgehen, Demokratie langweilt mich"). Eine düpierte Barbara Brecht-Schall kommt zu Wort, ein genervter Kurt Masur, der Ophüls Fragen als "oberflächlich" und "ironisch" zurückweist - und doch antwortet.

"Ein Meister der zielstrebigen Umwege"

Der Kosmopolit Ophüls, der zudem die kunstvolle Montage am Schneidetisch beherrscht, ist immer auch der Komödiant, der sich mit Autoritäten anzulegen weiß. Für Ralph Eue ist er ein "Meister der zielstrebigen Umwege". Seine scharfsinnigen Recherchen decken Haltung und Verantwortung des Einzelnen auf: Was nicht jedem Zuschauer im Arthaus gefällt, zumindest nicht die Penetranz, mit der nur ein Marcel Ophüls fragen kann.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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