Künstler in Residenz: Der libanesisch-kanadische Tänzer Charlie Prince in Heilbronn

Heilbronn  Der Blick des Tänzers auf arabische Identität(en): Charlie Prince hat im Probenzentrum des Heilbronner Theaters sein neues Stück "Cosmic A*" erarbeitet. Das Solo mit Livemusik soll Ende Mai beim Festival "Tanz! Heilbronn" zu sehen sein - sofern es Corona zulässt.

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Künstler in Residenz: Der libanesisch-kanadische Tänzer Charlie Prince in Heilbronn
Darstellungsweisen einer arabischen Identität erkundet das Stück „Cosmic A*“, das Charlie Prince und der Musiker Joss Turnbull während ihrer Residenz in Heilbronn erarbeiten. Foto: Mario Berger

Die Begrüßung in Zeiten von Corona fällt freundlich aus, aber auf Distanz. Seit einer Woche arbeiten der Tänzerchoreograph Charlie Prince, der Komponist und Perkussionist Joss Turnbull und Dramaturgin Erin Hill im Probenzentrum des Heilbronner Theaters in der Christophstraße an einem aktuellen Stück. "Cosmic A*" hat am 22. Mai - so der Plan - beim Spring Festival in Utrecht Uraufführungspremiere und ist sechs Tage später beim Festival "Tanz! Heilbronn" in der Boxx zu sehen, bevor das Solo mit Livemusik seine Tournee fortsetzt nach Paris und zur Tanzmesse Düsseldorf.

Die Proben für ein weiteres Stück mit Charlie Prince diese Woche in Beirut sind bereits gestrichen. Eine Absage der Tournee von "Cosmic A*" wäre für die freischaffenden Künstler ein herber Schlag. Finanziell, aber auch für den kreativen Prozess . Für wen ein Stück erarbeiten, wenn man nicht weiß, ob es aufgeführt wird?

Mit Blick auf Industriebauten und auf Weinberge und Wartberg

Den Gedanken an die möglichen Folgen der Pandemie wollen sie gar nicht hochkommen lassen im Probenzentrum in der Christophstraße 71. "A wonderful place to work", ein wunderbarer Ort, zu arbeiten, mit Blick über Industriebauten auf der einen Seite und auf Weinberge und Wartberg auf der anderen, schätzt Prince die großzügigen Bedingungen. Für die Stückentwicklung von "Cosmic A*" hat "Tanz! Heilbronn" dem libanesisch-kanadischen Tänzerchoreographen eine Residenz in Heilbronn ermöglicht, das heißt einen Arbeitsaufenthalt. Das Projekt ist Teil des Kulturprogramms von Kanadas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse 2020 und wird von der Regierung in Ottawa unterstützt.

Eine Woche nun hatten die drei Raum und Zeit, ein Tanzsolo zu entwickeln. Und ungestört darüber zu diskutieren. Für Charlie Prince gehört gesellschaftspolitische Reflexion zu seinem Selbstverständnis von zeitgenössischem Tanz. Die Frage nach einer arabischen Identität steht im Zentrum von "Cosmic A*" - jenseits von Vorurteilen und westlicher Projektion. Prince spricht von Arab-Futurismus, einer relativ neuen, selbstbewussten künstlerischen Bewegung, und ist sich dabei wohl bewusst, dass es die arabische Identität nicht gibt. Über die äußeren Zuschreibungen, die Fremdwahrnehmung dessen, was "orientalisch" ist, wundert und ärgert er sich.

"Sich frei zu bewegen und arbeiten, ist ein Privileg"

1991 in einem Dorf in den Bergen Libanons geboren, emigrieren die Eltern nach Kanada, als der Junge zehn ist. Nach ein paar Jahren kehrt er zurück, um mit sechzehn Jahren erneut nach Kanada zu ziehen. Ein Vor und Zurück, längst hat er neben dem libanesischen Pass den kanadischen, der ihm erlaubt, das zu tun, was er tut. Seit drei Jahren lebt er in Amsterdam. "Sich frei zu bewegen und zu arbeiten, ist ein Privileg." Als Araber in der Diaspora ist Prince konfrontiert mit der Frage nach Herkunft und Tradition. Wenn er seine libanesische Heimat besucht, konstatiert er einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Europa und der einstigen Kolonialmacht Frankreich. Aber auch den Stolz auf die eigene Kultur, die spezifischen Werte.

Künstler in Residenz: Der libanesisch-kanadische Tänzer Charlie Prince in Heilbronn
Der Dreiklang aus Körperarbeit, kultureller Spurensuche und Musik macht die Faszination der Choreographien von Charlie Prince aus. Foto: Mario Berger

Der Dreiklang aus Körperarbeit, kultureller Spurensuche und Musik macht die Faszination seiner Choreographien aus. "Ich interessiere mich für Mythologie, wie wir damit umgehen und schaffe Körperbilder, die an Zentauren erinnern und andere Fabelwesen." Prince markiert einige Bewegungsflows. Auf dem Boden sitzt Perkussionist Joss Turnbull an der Zarb, einem traditionellen, persischen Instrument, dazu arrangiert er elektronische Klänge als spannungsreiche Fusion.

Welche Zukunft wünscht Charlie Prince dem Libanon?

Seine choreographische Arbeit versteht Body-Mover Prince als Art archäologische Recherche. "To recreate past to have a future", nennt er sein Anliegen, die Vergangenheit aus der Gegenwart wiederherstellen, um Zukunft zu schaffen. Bis die Flagge Palästinas auf dem Mond steckt, so die Utopie eines Symbolbildes von Arab-Futurism. Welche Zukunft wünscht Charlie Prince dem Libanon? "Ein Leben in Würde und Frieden. Eine jüngere, ehrliche, intelligente Regierung, die die Schönheit ihres Volkes reflektiert."

Der Titel "Cosmic A*", der sich auf alles und nichts bezieht im besten, kosmischen Sinn, kam Prince vergangenen Oktober, als er die Unruhen im Libanon, einem Land kurz vor dem Staatsbankrott, hautnah erlebte. Als sei es Halluzination sah er vor allem junge Menschen, die sich dagegen auflehnten, eingesperrt zu sein in den Parteien eines korrupten Systems und in Glaubensrichtungen. "Ich sah ihre Kraft, die Freude, den Zorn und wie Körper sich vermischen", umreißt er die Namensgebung "Cosmic A*".

Mit der Ruhe des professionellen Tänzers

Konzentrierte Körperlichkeit, Ruhe und die Dynamik des professionellen Tänzers sind auch beim Gespräch präsent. Die Musik, sagt er, ist wichtig für die Dramaturgie des Stücks. Die Arbeit am Mythos, an der Identität, die so eindeutig nicht ist, beschäftigt den jungen Mann. "Ich bin kein Flüchtling", hat Charlie Prince gleich zu Beginn klar gestellt. Mit wachem Blick, aufmerksam, zuvorkommend.

Tänzerchoreograph: 1991 in einem Dorf in den Bergen Libanons geboren, emigriert Charlie Prince 2001 mit seiner Familie nach Kanada. Nach einem Musikstudium in Montreal studiert er klassischen und zeitgenössischen Tanz und tanzt in kanadischen wie europäischen Kompanien. Zwischen Europa und dem Libanon beheimatet, lotet der Tänzerchoreograph Prince Fragen der kulturellen und politischen arabischen Identität aus. Seit drei Jahren lebt er in Amsterdam.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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