Konstantin Wecker und die Kraft der Poesie

Heilbronn  Der bayrische Liedermacher macht in Heilbronn mit wunderbaren Versen mobil gegen Polit-Machos, Spießbürger und Nazis.

Von Kilian Krauth

In Spiellaune präsentierte sich Konstantin Wecker am Mittwochabend in Heilbronn. Foto: Andreas Veigel

Als er nach etlichen Zugaben gegen 23 Uhr seine Ode auf den Zauber des Augenblicks zu Gehör bringt, erheben sich auch die letzten der gut 500 Besucher: stehende Ovationen für einen großen Meister des Wortes und der Musik, für dessen ebenso poetischen wie politischen Abend unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn. Zwei weibliche Fans fallen dem Mannsbild aus München bei seinem Triumphzug durch den Saal sogar vor lauter Begeisterung um den Hals. Auch in seinem 72. Lebensjahr hat der Lebenskünstler, Dichter und Pianist, der sich von seinem kongenialen Partner Jo Barickel am Flügel begleiten lässt, nichts von seiner Kraft und Faszination eingebüßt.

Söder und Seehofer abgewatscht

Vier Tage vor der Bayern-Wahl hatten manche Anhänger auf entsprechende Anspielungen gehofft. Doch das Parteimitglied der Linken spart das Thema erstaunlicherweise aus. Er watscht CSU-Politiker wie Söder und Seehofer eher beiläufig in einer Reihe mit Trump, Erdogan und anderen "Männchen" ab: für ihr lachhaftes Macho-Gehabe, aber auch für ihre menschenverachtende Flüchtlingspolitik. "Was ist bloß aus unserer Willkommenskultur geworden?", fragt sich der Menschenfreund - und konfrontiert das gut situierte Publikum mit dem Song "Stilles Glück" über die Abgründe des Spießbürgertums.

Ein Highlight gleich zum Auftakt des dreistündigen Auftritts: der "Willy", eine Ballade, die der bekennende Anarchist für einen in den 1968er Jahren von Nazis zusammengeschlagenen Freund geschrieben hatte, und deren Aktualität ihm "wie ein Alptraum" vorkomme, "wie ein Gespenst". Der bayrische Liedermacher baut in die dramatische Geschichte ätzende Kritik an der AfD und deren "Führer" Alexander Gauland ein, den er genüsslich "Gauleiter" nennt. 

Dessen abscheulicher Ausspruch, die Nazi-Zeit sei "nur ein Vogelschiss in der 1000-jährigen deutschen Geschichte" gewesen, bringe "das Fass zum Überlaufen". "Wir müssen aufpassen, dass die braune Brühe nicht ganze Landstriche überschwemmt." Unter tosendem Applaus ruft der stimmgewaltige Bayer ins Publikum: "Gebt Parolen keine Chance, besiegt den Hass durch Zärtlichkeit", für ihn die stärkste Form von Widerstand. Konsequenterweise ist das Konzert unter der Pyramide nach dem politischen Beginn am Ende von Poesie geprägt. Mit wunderbaren Versen versucht Wecker Mut zu machen gegen Angst, gegen die Dummheit, für das Leben.

Liebeserklärung an den Vater

In seinen Liedern und Gedichten hebt der italophile Romantiker - mit Anleihen bei Novalis, Mozart und anderen Göttern seiner Jugend - immer wieder auf die eigene Vita ab. Der feine Kerl dankt seinen "großartigen Eltern", von denen er die Liebe zur Musik in die Wiege gelegt bekommen habe. Eine der stärksten Passagen dieses ebenso mitreißenden wie denkwürdigen Abends ist die Liebeserklärung an seinen weniger vom Glück begünstigten Vater und dessen - bis hin zum Sterbebett - "unermüdliche Suche nach dem Wunderbaren". Der Mutter ruft er zu: "Du warst bei mir, wenn ich mich nicht mehr fand. Du warst es, die das Ungereimte in mir zu einem Vers verband."

Die wilden Jahre Voll Selbstironie spielt der ergraute Dichter auf seine wilden Jahre als "Möchtegernmacho" mit Cowboystiefeln und Firebird-Sportwagen an. Keinen Hehl macht er aus dem tiefen Drogensumpf der 1990er Jahre, in den Wecker nach den Höhenflügen der 1980er Jahre geraten war. So richtig erwachsen geworden sei er erst als 50-Jähriger nach der Geburt seiner Söhne Valentin und Tamino. Ihnen widmet er Zeilen wie diese: "Ich wollte euch nie erziehen. Erziehen zu was? Zum Ehrgeiz, zur Gier? Zum Chef im richtigen Lager? Ihr wisst es, ich habe ein großes Herz für Träumer und Versager." Nur eine Bitte hat der Pazifist, "tragt nie eine Uniform". Denn, so singt der nimmermüde Konstantin Wecker, "das Leben will nicht stramm marschieren, es lädt zum Tanzen ein."