Klangattacke spielt den Auftakt zum Klassik Open Air

Heilbronn  Das Sinfonische Orchester Klangattacke spielt einen gelungenen Auftakt des Klassik Open Air und entschädigt die Zuhörer auf dem Kiliansplatz für die abendliche Kühle und Regentropfen.

Von Lothar Heinle

Klangattacke spielt den Auftakt zum Klassik Open Air

Das Sinfonische Orchester Klangattacke spielt sich mit einem gelungenen Auftakt zum Klassik Open Air in viele Herzen und entschädigt für abendliche Kühle und Regentropfen.

Foto: Christiana Kunz

Irgendwann haben sie nicht mehr aus dem Fenster geschaut. Zu frustrierend sind für Bürgermeisterin Agnes Christner, Amtsleiterin Karin Schüttler und Kulturfachfrau Charlotte Mischler am Donnerstag die Wetteraussichten. Aber dann hat der Himmel doch noch ein Einsehen. Rechtzeitig zum Auftakt des Klassik Open Air Heilbronn auf dem Kiliansplatz hört der Regen auf.

Auch die Reihen füllen sich nach und nach, unter den Zeltdächern sind strategisch günstige Plätze schnell belegt. Platz genommen hat auf der Bühne auch das Sinfonische Orchester Klangattacke. Seit vier Jahren spielen hier Liebhaber und Musikenthusiasten gemeinsam mit professionellen Musikern, die umständehalber so manche Position ergänzen müssen.

Das Orchester liefert eine disziplinierte klangliche Leistung ab

Dazu zählt Konzertmeister Hans-Wilhelm Traub, erfahrener Violinlehrer und Mitglied im Heilbronner Sinfonie Orchester. Auch Dirigent Robert Weis-Banaszczyk kennt man aus der Kontrabassgruppe des HSO. Der Schulmusiker mit Leistungsfach Dirigieren lenkt das Orchester mit ruhigen Gesten, fahrige Bewegungen oder Show-Gesten sind ihm fremd. Weis-Banaszczyk geht es hörbar darum, zu jedem Zeitpunkt bestmögliche klangliche Geschlossenheit und rhythmische Verve abzurufen. In der von Alexander Glasunow orchestrierten Ballettmusik "Les Sylphides" nach Klavierstücken von Chopin gibt es noch erste Anlaufschwierigkeiten, etwa bei wackeliger Intonation der tiefen Streicher oder allzu gemächlich aufgefassten Tempowechseln in den Blechbläsern.

Aber der Apparat läuft sich warm, alles ruckelt sich zurecht. Debussys Première Rhapsodie (1911) ist wohl am wenigsten für Freiluftaufführungen geeignet, umso mehr stellt das Orchester hier eine sehr disziplinierte klangliche Leistung vor. Elektroakustische Verstärkung ist bei Open Airs ebenso notwendig wie hinderlich, obwohl die Mitarbeiter der Firma Skylight aus Neuenstadt ihr Bestes geben. Das war vor Jahren auch schon mal anders.

Alle Augen und Ohren sind auf die Klarinette gerichtet

Was bei Debussy gleichsam über Rampe und Lautsprecher kommt, sind impulsiv ausgeleuchtete Farbwerte impressionistischer Orchestrierung, selbst pointierte Akzente aller Streicher und bewusst flüchtige Holzbläserakkorde sind auf den Punkt da. Solistin Florentine Simpfendörfer spielt den Klarinettenpart mit weich gesteuertem Ton. Jede Klangfolge umhegt sie wie ein rohes Ei, öffnet sich vorsichtig hier, tupft sanfte Staccati da.

Längst geht es nicht nur um korrekte Ausführung eines Wettbewerbsstücks, hier erzählt die Klarinette. Alle Augen und Ohren sind auf sie gerichtet. Natürlich klingt es in Reihe zwölf auf dem Kiliansplatz anders als in Reihe zwölf in der Harmonie. Es ist Open Air, vergleichbare Verhältnisse kann man hier nicht wirklich erwarten. Rasant trumpft das Orchester mit dem durch Walt Disney populär gemachten "Danse macabre" (1875) von Saint-Saëns auf. Morbide druckvoll spielt Hans-Wilhelm Traub die Solovioline, um ihn die tanzend imaginierten Skelette bis zum morgendlichen Hahnenschrei.

Mit Tschaikowskys Ballettmusik im Sinfonischen angekommen

Getanzt werden darf auch nach der Pause mit Darius Milhaus Cinéma-Fantaisie "Le boeuf sur le toit" (1919). Ein knuffig punktiertes Thema aus munteren Achteln und Sechzehnteln wandert durch Brasiliens Samba, Maxixe und Xácara, genussvoll und präzise hebt das Sinfonische Orchester viele absichtlich falsch klingende Stellen mit überlagerten Tonarten hervor.

Ganz im Sinfonischen angekommen ist man schlussendlich mit der Suite aus Peter Tschaikowskys Ballettmusik "Schwanensee". Geheimnisvoll funkelt der See zu Oboensolo und Harfe am Anfang, auch die synkopierten Fußangeln des Walzer aus dem ersten Akt nimmt man souverän. Im "Danse de cygnes" glänzen selbstbewusste Soli von Cello und Violine, entfesselte Wucht trägt den Czardas. Die Klangattacke spielt sich mit einem gelungener Auftakt des Klassik Open Air in viele Herzen und entschädigt für abendliche Kühle und Regentropfen.


Zur Person: Die Klarinettistin Florentine Simpfendörfer wurde 1991 in einen musischen Heilbronner Arzthaushalt hineingeboren. Ab dem elften Lebensjahr nimmt sie Klarinettenunterricht bei Marion Potyka an der Musikschule Heilbronn. Mit 21 Jahren gewinnt sie den Publikumspreis beim Nachwuchswettbewerb des Schleswig-Holstein-Musikfestivals. Seit 2012 studiert sie Klarinette an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. 2014 wurde sie in die Akademie des Symphonieorchesters beim Bayerischen Rundfunk aufgenommen.

Das Sinfonische Orchester Klangattacke wurde 2015 gegründet. Die Hobby-Musiker sind zwischen 14 und (über) 80 Jahre alt. Regelmäßig arbeitet das Orchester mit dem Dirigenten Robert Weis-Banaszczyk zusammen, aber auch mit musikalischen Gästen.

 


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