Juan Moreno spricht im Ratshöfle Güglingen über den Reportage-Fälscher Relotius

Güglingen  Juan Moreno liest im Ratshöfle aus seinem Buch "Tausend Zeilen Lüge" und erzählt, wie sein einstiger Kollege, der "Spiegel"-Autor Claas Relotius, zum schamlosen Betrüger wurde. Es ist die bundesweit einzige Lesung von Moreno.

Email
Juan Moreno, der den Reportage-Fälscher Relotius zu Fall brachte, im Ratshöfle Güglingen

Foto: Ekkehart Nupnau

Wie wirklich ist das, was wir zur Wirklichkeit erklären? Beim Journalismus sollte selbstverständlich sein: Weder Fake noch Fiktion, sondern Fakten bestimmen Recherche wie Schreibe. Beredt wie ein Literat muss der Journalist nicht sein. Als sich vor gut einem Jahr die preisgekrönten Reportagen von "Spiegel"-Autor Claas Relotius als Fälschung erweisen, hat die Branche ihren Skandal. Und ein Kollege, Juan Moreno, wird zum Whistleblower im eigenen Verlagshaus.

Morenos Buch "Tausend Zeilen Lüge" erscheint im September 2019 bei Rowohlt und erzählt vom Aufstieg und Fall eines Hochstaplers und Menschenfängers, den der "Spiegel" als jungen Starjournalisten feierte. Im Ratshöfle Güglingen hat Juan Moreno nun Einblicke aus erster Hand gewährt in den Fall Relotius. Obwohl er nach Erscheinen des Buches vor Monaten beschlossen hatte, "dass ich keine Lesungen mache und durch die Republik tingele". Nicht, weil Moreno sich für sein Buch schämt, sondern weil er nicht ein Journalistenleben lang als Entdecker von Relotius gelten will.

Einzige Lesung bundesweit in Güglingen

Es ist dem Zufall der persönlichen Bekanntschaft zu verdanken zwischen Moreno und Güglingens Bürgermeister Ulrich Heckmann, die auf Heckmanns Zeit als Politikberater in Bruchsal zurückreicht, dass der Autor von "Tausend Zeilen Lüge" im Ratshöfle die tatsächlich einzige Lesung zu dem Betrug hält. Ein Fälschungsskandal, der ausgerechnet das auf seine solide Professionalität so stolze Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" trifft.

Der Fall "hat dem Beruf wahnsinnig geschadet in einer Zeit, in der die Branche wirtschaftlich unter Druck steht. Und gesellschaftlich". Juan Moreno erwähnt den massiven Widerstand, den er im "Spiegel" zu spüren bekam, als er Relotius' Redlichkeit infrage stellte, spricht einleitende, erklärende Worte zu seinem Buchprojekt.

Dann liest Moreno das erste Kapitel, das die unfassbare Dimension eines nahezu perfekten Lügensystems umreißt. Aber auch die Tragik des Betrügers Relotius: Es war die Nacht zum 3. Dezember 2018, wenige Stunden, bevor Relotius zum vierten Mal in fünf Jahren den Reporterpreis erhalten sollte, als er eine Mail erhielt: "Hallo Claas, darf ich fragen, wie du einen Artikel über die Arizona Border Recon schreiben konntest, ohne hier für ein Interview aufzutauchen?" Die Mail kam von Jan Fields, der Sprecherin der Arizona Border Recon, einer militanten Bürgerwehr im Süden der USA, die unentgeltlich die Staatsgrenze der USA schützt.

"Sie alle hatte er mühelos umtänzelt"

Relotius dürfte Dutzende Male in einer ähnlich ausweglosen Situation gewesen sein, erklärt sich Moreno, warum dieser "Solokletterer auf dem Gipfel" nicht in Panik geriet, auch nicht während der Preisverleihung, obwohl er von Berufsskeptikern umgeben war. "Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt." Juan Moreno liest nachgerade beschwörend besonnen, die Beine in bequemen Jeans unprätentiös übereinander geschlagen.

Was wie ein Krimi klingt und filmisch dicht erzählt wird - tatsächlich hat sich Bully Herbig die Rechte an der Verfilmung gesichert - ist das Ergebnis akribischer Recherche. Wenngleich freier Mitarbeiter ohne festem finanziellen Netz, schreckte Moreno vor einer möglichen "Hinrichtung" durch den "Spiegel" nicht zurück. Als nordisch zurückhaltend und stets höflich beschreibt Moreno Claas Relotius. "Ich bin nicht so. Ich mache mir weniger Gedanken, wie ich rüberkomme." Wusste Juan Moreno, dass Relotius ein Lügner ist?

Über die Person Relotius möchte Moreno nicht spekulieren

"Ich dachte zuerst, er übertreibt, hübscht Dinge auf." Erst im Laufe der Nachforschungen wird klar, dass von den über 60 Texten, die Relotius für den "Spiegel" schrieb, "bis auf eine Handvoll" alle gefälscht waren. Der Reporter Juan Moreno erzählt, warum Claas Relotius nie Reporter war. Über die Persönlichkeit Relotius, ein mögliches Krankheitsbild, möchte Moreno nicht spekulieren.

Ob der Fall Relotius nur die Spitze des Eisbergs ist? Eine Frage, die Moreno zögerlich, aber dann doch verneint. Dass manch einer im Publikum bewundert, wie fesselnd Relotius doch schreiben konnte, so dass Fakten zweitrangig wurden, trifft den wunden Punkt eines Journalismus, der seinen Bedeutungsverlust mit Storytelling zu kompensieren versucht. Der Druck ist hoch. Studien belegen: Leser lieben die Tragödie. "Auch wenn sie anderes behaupten", sagt Juan Moreno.

Wo ist Claas Relotius heute? Vermutlich in Hamburg, bei seinen Eltern. Auf die von Relotius' Anwalt vor Monaten angekündigte Klage wartet Juan Moreno noch.


Juan Moreno und Class Relotius

Juan Moreno, Jahrgang 1972, Sohn andalusischer Bauern, die in den 70er Jahren nach Deutschland auswanderten, studierte Volkswirtschaftslehre und absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er war Redakteur für ARD-Talkshows, Radiomoderator und Fernsehmoderator bei Phoenix. Von 2000 bis 2007 arbeitete er für die „Süddeutsche Zeitung“. Seit 2007 ist er freier Reporter für den „Spiegel“. Themenschwerpunkte liegen in den Ressorts Sport und Gesellschaft, unter anderem hat er eine Biografie des Sportfunktionärs Uli Hoeneß geschrieben.

Ende Dezember 2018 gab der „Spiegel“ bekannt, dass ihr Journalist Claas Relotius „in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert“ habe. Die Fälschungen wurden aufgedeckt, nachdem Moreno, der mit Relotius an einer Reportage gearbeitet hatte, im November 2018 Unstimmigkeiten bemerkte, Angaben prüfte und sich mit seinem Verdacht an die Ressortleitung wandte. Weil seine Chefs ihm nicht glaubten, recherchierte Moreno Kollege Relotius auf eigene Kosten in den USA hinterher. Für seine Verdienste um diese Enthüllungen wurde Moreno 2019 vom „Medium Magazin“ als Journalist des Jahres ausgezeichnet.

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Kommentar hinzufügen