Intrigenspiel im Bettenlager an der Stuttgarter Oper

Stuttgart  Die Premiere von Christiane Pohles Inszenierung der Mozart-Oper "Le nozze di Figaro" bekommt einige Buhrufe, aber auch viel Applaus. Vor allem musikalisch kann der Abend überzeugen.

Von Uwe Grosser
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Intrigenspiel im Bettenlager an der Stuttgarter Oper

Foto: Martin Sigmund

Machen wir uns nichts vor: Das Zentrum des Lebens ist das Bett. Die Meisten werden darin gezeugt, auch geboren. Wir verbringen erholsame Stunden darin, mitunter geschieht dabei Aufregendes, manchmal auch nicht. Und am Ende wird im Normalfall im Bett gestorben.

Regisseurin Christiane Pohle stellt das Bett in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung der Oper "Le nozze di Figaro" von Wolfgang Amadeus Mozart. Für diese Idee erntete sie bei der Premiere in der Oper Stuttgart einige Buhrufe, aber auch viel Applaus, während die musikalische Seite durchweg bejubelt wurde.

Bei Mozart wird gleich zu Beginn der Platz für ein Bett vermessen, Pohle verlegt die Szene in die Bettenabteilung eines heutigen Möbelhauses (Bühne: Natascha von Steiger), das sich im Verlauf des Abends immer wieder verwandelt bis zur Aneinanderreihung von Schlafzimmern: die Wiederholung des immer Gleichen, austauschbare Lebenswirklichkeiten.

Die Oper startet mit viel Energie, der Humoreske geht aber zunehmend die Luft aus

Doch das ist nur der Rahmen. Den Kern der Oper bilden nach wie vor der wilde Liebesreigen und das Intrigenspiel des Librettos von Lorenzo Da Ponte, in dem gelogen und betrogen, am Ende aber auch auf musikalisch wundervollste Weise vergeben wird. Bemerkenswert sind die Frauenrollen, die in Pohles Inszenierung wesentlich kraftvoller als die tumben Männer daherkommen. Sie, die Opfer der Zügellosigkeit und Untreue des Grafen Almaviva, sind selbstbewusste Kämpferinnen, die de facto das Heft in der Hand halten.

Das Verwirrspiel verwandelt die Regisseurin in eine Humoreske, die mit viel Energie startet, der aber zunehmend die Luft ausgeht. Der Witz verflacht, und die optischen Reize erschöpfen sich im wenig wandelbaren Verschieben der Schlafzimmer. Schon früh hat sie ihr Anliegen auserzählt, so wird im vierten Akt, in dem das ganze Liebesdurcheinander seiner Lösung entgegenstrebt, die musikalische Seite zum Retter dieser "Hochzeit des Figaro".

Das Staatsorchester macht unter Dirigent Roland Kluttig schon bei der Ouvertüre deutlich, dass es Mozart nicht auf die leichte Schulter nimmt. Ungeheuer quirlig geht das Orchester zu Werke, und doch bleibt der Klang klar durchhörbar. Feinsinnig werden die Harmonien entwickelt, ein echter Genuss.

Ein Extralob hat sich der Chor verdient

Den bieten auch die Sängerinnen und Sänger, die vom Publikum am Ende stürmisch gefeiert werden. Das Besondere dabei: Die Oper Stuttgart verzichtet auf das Engagement teurer Stars und verlässt sich lieber auf das eigene Ensemble. Eine kluge Entscheidung, denn sängerisch ist der Abend wunderbar. Zwei davon kommen aus dem Stuttgarter Opernstudio, eine Talentschmiede, die es seit zehn Jahren gibt: Esther Dierkes ist sowohl schauspielerisch als auch stimmlich eine begeisternde Susanna, und Michael Nagl verfügt über einen vielversprechenden Bass.

Weitere Aufführungen

Am 4., 6., 19. und 21. Dezember, dann wieder im März und April 2020.

Eine außergewöhnliche Sopranistin mit funkelnder Stimme ist Diana Haller, die als Cherubino brilliert, so leicht, so unbeschwert. "Dove sono", diese ergreifende Arie der Gräfin, meistert Sarah-Jane Brandon mit ihrem gefühlvollen Sopran bravourös, und Johannes Kammler als ihr Gatte Almaviva ist ein grundsolider Bariton. Auch das übrige Ensemble besticht durch konzentrierte und doch so entspannt klingende Leistungen.

Dass sich der Chor ein Extralob verdient, ist in Stuttgart fast schon zur Gewohnheit geworden. Dieses Extralob geht diesmal aber tatsächlich an alle auf der Bühne für das so ergreifende Finale, in dem die Gräfin ihrem Grafen alle Verfehlungen vergibt. Einfach brillant.

 


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