Immer noch zornig: Midnight Oil in Stuttgart

Stuttgart  Die australische Band Midnight Oil setzt sich weiter für Ureinwohner und Umweltschutz ein. Für ein Konzert ist sie auf den Killesberg mitten in Stuttgart gekommen - mit viel Wohlvertrautem im Gepäck.

Von Heiko Fritze

Peter Garrett ist fassungslos. "Als ich heute mit dem Fahrstuhl meines Hotels fuhr und der Musik zuhörte, die dort gespielt wurde", erzählt er, "da stellte ich fest, dass es auch Songs mit völlig inhaltsfreien Texten gibt." Ein Unding für den engagierten Australier, der auch mal eine zeitlang Umwelt- und dann Bildungsminister seines Heimatlandes war. Seine Band Midnight Oil verfolgt da einen völlig anderen Ansatz: Alles ist politisch. Von Garretts T-Shirt über die Bühnendekoration bis zu den Songs aus 40 Jahren Bandgeschichte. Und natürlich auch bei den Ansagen zwischen den einzelnen Stücken beim Auftritt auf der gut besuchten Freilichtbühne am Killesberg.

22 Titel, zwei Stunden Spielzeit

Kein Wunder auch, dass mit Wolf Maahn ein Urgestein der deutschen Politrockszene den Abend eröffnen darf. Midnight Oil entern dann weit vor Mitternacht die Bühne. Satte zwei Stunden und 22 Songs umfasst ihr Set, wobei die beiden jüngsten Titel auch schon 18 Jahre auf dem Buckel haben. Schließlich haben die Australier eine lange Pause eingelegt, erst seit 2017 spielen sie wieder. "Ehrlich, wir haben uns gefragt, ob überhaupt jemand noch unser Zeug hören will", erzählt Garrett zwischendurch. Und weist dann auf die Menge vor der Bühne: zwar etwas gehoben im Altersschnitt, viele schon ergraut, aber immer noch begeistert und textsicher.

Für die Rechte der Ureinwohner

Musikalisch und gesanglich wirken Midnight Oil ohnehin, als hätten sie nie eine Pause eingelegt. Die Einsätze sitzen präzise, der Mann am Mischpult hat die Abmischung im Griff, Garretts Stimme ist immer noch näselnd-gequält. Roboterhaft zuckt und ruckelt er, verzieht das Gesicht und macht mit jeder Geste deutlich, wie ernst ihm seine Anliegen sind: mehr Rechte für die Ureinwohner, behutsamer Umgang mit den Ressourcen des Planeten - und Klimaschutz. Es wirkt alles andere als zufällig, dass der dritte Song des Konzerts "Too much sunshine" heißt. Auch wenn es darin um Gleichgültigkeit und nicht um Klimawandel geht - der Titel passt zur aktuellen Stimmung.

Alle Klassiker dabei

Die Klassiker sind natürlich alle dabei: Gleich zu Anfang "The Dead Heart", mittendrin "Blue Sky Mine", kurz vor Schluss "Beds are burning" und "Forgotten Years". Kein Gefälligkeitsrock, auch wenn die Menge wogt und tanzt. Midnight Oil sind immer noch zornig. Zu wenig hat sich gebessert, seit sie Mitte der Achtziger auf der Woge des Erfolgs ihre Anliegen verbreiteten. Also singen sie weiter.


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