Im Heilbronner Theater wird über die Wiedervereinigung diskutiert

Heilbronn  Es ist eine anregend kontroverse Podiumsdiskussion mit streitbaren Gästen: "29 Jahre deutsche Einheit - eine Bilanz" in der Boxx des Theaters eröffnet die Veranstaltungsreihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft".

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Friedliche Revolution oder feindliche Übernahme? Eine Diskussion im Theater Heilbronn

Wer eigentlich hat die deutsche Einheit überhaupt gewollt? Axel Vornam (links), Adriana Lettrari, Martin Sabrow und Hans-Joachim Maaz.

Foto: Ralf Seidel

Was hat es mit dem Gefühlsstau der Ostdeutschen auf sich, was ist dran an der These, die Demokratie wurde ihnen von außen verordnet? Wollte der Westen überhaupt die Wiedervereinigung, war der Umtausch der Ost- in die Westmark eins zu eins nicht ein Aufbau-Geschenk für den DDR-Staat, der 1989 wirtschaftlich wie politisch am Ende war? Fehlt es den Ostdeutschen an Zivilcourage, oder sind sie kritischer als der Westen? Und erklärt die berechtigte Kritik am Versagen der Politik, warum die AfD im Osten so großen Zuspruch findet?

Nach gut zwei Stunden kontrovers geführter Podiumsdiskussion mit emotionalen Zwischenrufen aus dem Publikum ist die Boxx auf Betriebstemperatur, wie Martin Sabrow zufrieden feststellt. "Man merkt, es geht um etwas." Der Historiker Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor an der Humboldt-Universität Berlin, moderiert sachkundig und schlagfertig den so anregenden Abend, mit dem das Theater Heilbronn die Veranstaltungsreihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft" eröffnet hat.

Brüche deutsch-deutscher Geschichte

Über "29 Jahre deutsche Einheit - eine Bilanz" debattieren Adriana Lettrari, Mitbegründerin des "Netzwerks 3te Generation Ostdeutschland", Hans-Joachim Maaz, einst Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Halle (Saale), und Heilbronns Theaterintendant Axel Vornam, der mit seiner deutsch-deutschen Biografie, geboren in Castrop-Rauxel, aufgewachsen in Leipzig, Theatermann im Osten wie im Westen, aus seiner Perspektive die Brüche beschreibt, um die es an diesem Abend geht.

Mehr über die Veranstaltungsreihe

In Kooperation mit Kinostar-Arthaus widmet sich das Theater Heilbronn der deutsch-deutschen Geschichte in einer monatlichen Veranstaltungsreihe mit Gästen, in Diskussions- und Gesprächsrunden, mit Filmen und einem Liederabend. Als Medienpartner begleitet die Heilbronner Stimme die Reihe "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft". Am 4. November läuft im Arthaus der Dokufilm "Novembertage - Stimmen und Wege" von Marcel Ophüls mit anschließendem Gespräch mit Filmpublizist Ralph Eue. Am 9. Dezember wird in der Boxx das Filmprojekt "Die Kinder von Golzow" gezeigt, ein Abend mit den Regisseuren Barbara und Winfried Junge. Die Reihe wird in 2020 fortgeführt.

Dass "wir in Heilbronn und nicht in Halle oder Leipzig, also in einer westdeutschen Stadt, über deutsch-deutsche Geschichte diskutieren", freut Moderator Sabrow, den die Bundesregierung 2005 zum Vorsitzenden der Expertenkommission berufen hatte, die ein Konzept erstellen sollte für einen dezentral organisierten Geschichtsverbund zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

"Wir sind übergelaufen und kamen nicht an die Macht"

"Warum", fragt Martin Sabrow mit Blick auf den Veranstaltungstitel "29 Jahre deutsche Einheit - eine Bilanz" "feiern wir die Einheit und nicht die Freiheit vor 30 Jahren", also den Mauerfall? "Nicht wir", sagt Hans-Joachim Maaz "haben die Mauer fallen lassen." Das sei von höher gekommen, die Sowjets hätten sie fallen lassen. Der Mauerfall hat ihn "mitgenommen". Mit der Einheit aber ist er "nicht zufrieden", betont der Autor von "Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR" und "Das gestürzte Volk oder die verunglückte Einheit". "Es gibt eine äußere Demokratie, die kann man verorten, und eine innere", beklagt Maaz, der die Meinungsfreiheit wieder in Gefahr sieht, Schwierigkeiten mit dem Begriff friedliche Revolution hat. Und der verbittert resümiert: "Wir sind übergelaufen und kamen nicht an die Macht."

Ohne 1989 hätte sie nicht die Möglichkeit gehabt, diesen Bildungsweg einzuschlagen, erwidert Adriana Lettrari, die die erste in ihrer Familie ist, die promoviert hat. Und doch sieht sie Fehlentwicklungen der Einheit, vor allem die, dass zu wenige ihrer Generation - Lettrari ist heute 40 -, selbstbewusst in Führungspositionen arbeiten.

Axel Vornam spricht von Mehrfachenteignungen

"Niemand rechnete mit der Einheit, niemand hatte ein Szenario", sagt Lettrari, die mit Hochgeschwindigkeit spricht und anders als Hans-Joachim Maaz kein Problem damit hat, dass bei vielen DDR-Bürgern zuerst einmal materielle Bedürfnisse im Vordergrund standen. Lettrari bezweifelt, "ob die Menschen in der DDR überhaupt so politisiert" waren. An die Rolle der Theater im Herbst 1989 erinnert Axel Vornam, und daran, dass nicht nur die Kirchen Orte des Protests waren. Die Auseinandersetzung darüber, "wie dieses Land aussehen soll", hat ihn bewegt. "Das dauerte sechs Wochen, dann war es vorbei. Aus wir sind das Volk wurde wir sind ein Volk," kritisiert Vornam den Modus der Wiedervereinigung, die er als wirtschaftlich "feindliche Übernahme" erlebt hat. Vornam spricht von Mehrfachenteignung, Menschen verloren ihre Jobs, Eliten wurden ausgetauscht. "Und das wirkt bis heute nach."

Ob der "West-Diskurs" über die Einheit nicht "Scham" kenne, drängt Lettrari Sabrow. Nein, Sabrow trägt vielmehr Sorge vor einer "deutsch-deutschen Verinselung der Befindlichkeiten". Auf Maaz" Befund westlicher "Schamabwehr", kontert Sabrow: "Ich habe die Einheit nicht im Sinn gehabt, aber dann begrüßt." Und: "Es war ja nicht so, dass wir die DDR gedrängt hätten."

Ossis und Wessis müssen weiter miteinander sprechen

Von heller Empörung über die ostdeutsche Opferidentität reichen die Publikumsreaktionen über das Erinnern daran, dass 1988 noch an der Mauer geschossen wurde, in der BRD ein Berufsverbot herrschte bis hin zur Kapitalismuskritik. Vages Fazit des Abends? Dass Ossis und Wessis weiter miteinander sprechen müssen - und, dass die Arroganz nicht nur vom Westen her rührt.

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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