Heilbronns ehemaliger Kulturbürgermeister Reiner Casse bei der Wissenspause

Heilbronn  Bei der Wissenspause im Deutschhof räsoniert Reiner Casse über den kulturellen Aufbruch der 80er Jahre und wünscht der Stadt Heilbronn Experimentierfreude.

Von Claudia Ihlefeld

Ohne Risiko nur Mittelmaß: Heilbronns ehemaliger Kulturbürgermeister Reiner Casse bei der Wissenspause

"Ich wünsche der Stadt, dass sie Experimente erkennt und zulässt": Heilbronns ehemaliger Kulturbürgermeister Reiner Casse (links) und Christhard Schrenk.

Foto: Veigel

Was tat sich in Heilbronn, als Madonna, Michael Jackson, aber auch Falco die Rock-Pop-Szene revolutionierten, in der Kunst die Neuen Wilden angesagt waren, sich in Deutschland die Punk-Bewegung und - als Antipode - mit den Poppern eine weitere Jugendbewegung ausbreitete? Wie kulturell bewegt waren die 80er Jahre in Heilbronn, als es schick war, von der örtlichen "Kulturwüste" zu sprechen?

Bei der Wissenspause im Deutschhof zu diesem Thema war am Freitag mit Reiner Casse der ehemalige Kultur-, Sozial- und Sportbürgermeister Gesprächspartner von Archivdirektor Christhard Schrenk. Bernhard Wilbs, Gründer und Leiter des Kinder- und Jugendtheaters Radelrutsch, sollte als Vertreter der freien Kulturszene mit auf dem Podium sitzen, musste indes wegen eines Trauerfalls in der Familie absagen.

Weichen stellen, auch gegen Widerstände

"Erst sehen, was sich machen lässt, dann machen, was sich sehen lässt", zitiert Schrenk das Credo des gebürtigen Bottropers und studierten Architekten Casse, der von 1984 bis 1997 als Bürgermeister kulturelle Weichen stellte, aber auch gegen Widerstände ankämpfte.

Ob man vom kulturellen Aufbruch jener Jahre sprechen könne? Auf jeden Fall, meint Casse. Nicht, dass es davor nichts gegeben hätte. Die 80er aber hatten Schwung und dachten an, was später umgesetzt wurde. 1982 wurde das Stadttheater am Berliner Platz eröffnet.

1986 schlugen die Heilbronner Kulturtage auf dem Gaffenberg ein neues Kapitel Festival-Kultur auf. In den 80er Jahren erarbeiteten Casse und der damalige Museumschef Andreas Pfeiffer das Konzept für die Städtischen Museen, im Januar 1990 wurde der Deutschhof eröffnet.

Ein Raum für zeitgenössische Kunst

1991 erwarb die Stadt das Kleist-Archiv Sembdner. Reiner Casse, der zwischen "Kultur der Stadt" und "Kultur in der Stadt" unterscheidet, dabei beides zusammen denkt, springt hin und her zwischen kulturellen Errungenschaften. 1984 eröffnete die Volkshochschule Heilbronn die Jugendkunstschule. Unter dem Namen Neue Kunst im Hagenbucher initiierte Mechthild Bauer-Babel 1988 einen Raum für zeitgenössische Kunst, den es heute in dieser Form nicht mehr gibt, der aber Kult sei.

Casse lässt die Innovationen jener Jahre Revue passieren, nennt die "Perspektiven"-Reihe für Neue Musik, lobt das "duale System einer Doppelspitze" am Theater, das mit Intendant Klaus Wagner und Verwaltungsdirektor Jürgen Frahm zwei gleichberechtigte Chefs hatte. Und rühmt die Arbeit des Heilbronner Sinfonie Orchesters, des Württembergischen Kammerorchesters, von Kulturring und Kunstverein.

Die Zigarre wird erwähnt, nicht aber, dass Heilbronn hier wirklich hinterherhinkte mit der Eröffnung eines soziokulturellen Kulturwerkhauses im Jahr 1999.

"Fresstempel" statt Gerkan-Bau auf dem Landererareal

Dass auf dem ehemaligen Landererareal neben dem Deutschhof nicht der "hervorragende" Entwurf des Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan für einen VHS-Neubau realisiert wurde, sondern ein weiterer "Fresstempel" steht, ärgert Reiner Casse noch heute. Was er Heilbronn wünscht? "Kultur ohne Risiko ist Mittelmäßigkeit. Ich wünsche der Stadt, dass sie Experimente erkennt und zulässt."


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