"Hair"-Premiere: Die Hippies erobern den Burghof

Jagsthausen  Premiere bei den Burgfestspielen: Franz-Joseph Diekens Inszenierung von „Hair“ holt den Musical-Klassiker in die Neuzeit. Auf der Bühne steht überraschenderweise auch der amerikanische Präsident.

Von Ranjo Doering

Donald Trump in Jagsthausen? Das kann doch eigentlich nicht sein. Trotzdem steht der amerikanische Präsident am Freitagabend mitsamt Ehefrau Melania beim Auftakt der Burgfestspiele auf der Bühne. In Franz-Joseph Diekens Inszenierung von „Hair“ nimmt Trump (grantelnd und mit charakteristischer Föhnfrisur verkörpert von Rüdiger Hellmann) die Rolle des Gegenspielers ein. Auseinandersetzen muss er sich in der Musical-Premiere mit einer Gruppe von Hippies, die sich den Kampf gegen das Establishment auf die Fahnen geschrieben hat und liebend gerne mit Drogen der Realität entflieht.

Auf den abgedrehten und bunt gekleideten Haufen trifft Claude Bukowski (David Wehle), ein naiver junger Mann vom Land, der stark durch den Patriotismus seiner Familie geprägt ist. Sein Lebenslauf scheint vorgezeichnet: vor dem Gang auf die Eliteuniversität Harvard steht die Musterung für einen Militäreinsatz. Der charmante Hippie-Anführer Berger (Martin Markert) und seine Freunde lassen Claude jedoch schnell am Sinn seiner Kriegsbereitschaft zweifeln und konfrontieren ihn mit kontroversen gesellschaftlichen und politischen Fragen.

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1968 feierte „Hair“ am New Yorker Broadway Premiere. Auch 50 Jahre später gilt: Noch immer propagieren die jungen Menschen Freiheit und Gewaltlosigkeit, treten für Toleranz, Frieden und sexuelle Befreiung ein. Die Ermordungen von John F. Kennedy und Martin Luther King sowie die düsteren Schatten des Vietnamkriegs werden in Jagsthausen durch Rassenunruhen und kriegerische Auseinandersetzungen im Nahen Osten abgelöst.

Gegen Ende gibt es viel nackte Haut zu sehen

Der Sprung in die heutige Zeit gelingt gut, auch, weil sich die Inszenierung mit jeder Menge Selbstironie nicht immer ernst nimmt. Oft ist das bewusst überdreht, nah am Klamauk, bei der aufgesetzten Jugendsprache („krass“ und „Alter“) sogar ein Stück darüber hinaus.
Punkten kann das Musical mit seinen bekannten Liedern. Songs wie „Aquarius“ und „Let The Sunshine In“ packen einen zwar nicht emotional, sorgen aber für gute Laune und wippende Füße. Die achtköpfige Band vertont mal psychedelische, drogengeschwängerte Fantasien im Stil von Grateful Dead, mal die pure Provokation. Bei „Masturbation“ werden auf der Bühne im Rhythmus kopulierende Figuren geformt, gegen Ende zeigen die Schauspieler viel nackte Haut.

Nach mehr als zwei Stunden gibt es für das kurzweilige Musical Standing Ovations. Ähnlich wie in der originalen  Broadway-Aufführung und der Verfilmung von Miloš Forman aus dem Jahr 1979, gibt Diekens Inszenierung keine Antworten auf die aufgeworfenen gesellschaftspolitischen Fragen. Die Premieren-Besucher haben so aber jede Menge Gesprächsstoff für den Nachhauseweg.

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