Gregorian begeistert 900 Besucher in der Harmonie

Heilbronn  Mit immer neuen Choreografien überraschen Gregorian, die schnieken Kuttenträger, ihr Publikum in der Harmonie. Wie klingt dieser gregorianische Gesang?

Von Michaela Adick
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Hat man Töne. Wo kommen sie nur her, die schnieken Kuttenträger in der Harmonie? Irritiert ruft man sich noch einmal die Statistiken der Deutschen Männerorden ins Gedächtnis. Die Zahlen sprechen für sich: ganze 3600 Mönche sind in ihren Annalen noch verzeichnet, stark überaltert sind die Gemeinschaften.

Ja, man muss befürchten, dass die Tradition der großen Konvente dem Ende geweiht ist. Umso faszinierender ist das erstaunliche Treiben der Schummel-Mönche von Gregorian auf der Bühne der mit 900 Gästen recht ordentlich besuchten Harmonie zu beobachten.

Showbiz - ein wenig krude, aber effektvoll

Die Mönche beten und singen, schreiten gewichtig über die Bühne. Nicht unbedingt kontemplativ, das wäre nicht abendfüllend: sondern in immer neuen Choreografien, bestens ins Licht gesetzt von einer erstklassigen Lichtregie. That's Showbiz, ein wenig krude, aber sehr effektvoll. Seit zwanzig Jahren sind sie nun unterwegs, die selbsternannten Masters of Chant in ihren Mönchskutten, unter den Kapuzen indes, da gibt es kein Vertun: immer neue, frische Gesichter und sehr englisch anmutende Stimmen.

Das offene Geheimnis? Die Sänger werden in Großbritannien gecastet, ihre rockige Begleitband in Deutschland. Mit ihrem Bass und Band-Maskottchen Christopher "The old Monk" Tickner, der das Publikum mit seiner Britishness bezirzt und schaurig-launig anmerkt "Join me in Death", ist ein Sympathieträger übrig geblieben.

Auf der allerletzten Abschiedstournee waren sie schon mehrfach

Auch Tenor Jonathan Clucas und Sängerin Amelia Brightman, Schwester von Sarah, hier in der Rolle des heftig tätowierten Gothic-Engels, gehören zum Nukleus der Formation. Was geblieben ist, ist die Machart der Show der Sänger von Gregorian, die schon mehrfach auf allerletzte Abschiedstournee gegangen sind, respektive die Regie ihres umtriebigen Produzenten Frank Peterson, der die Setlist immer neu durchmischt und sanft aber beharrlich gregorianifizierte Popklassiker mit leidlich verpopptem gregorianischem Gesang verbindet.

Bandgeschichte

Die Wurzeln von Gregorian liegen in den frühen 90er Jahren, als der deutsch-rumänische Musikproduzent Michael Cretu mit seinem Projekt Enigma und Sängerin Sandra von Erfolg zu Erfolg eilte. Sein Rezept war einfach: Cretu mischte New Age mit elektronischer Musik. 1999 dachte sein Kollege Frank Peterson die Idee weiter, änderte das Setting und das Outfit. Statt der offenherzigen Sandra singen nun Kuttenträger New Age Pop mit leichtem Anklang von gregorianischem Chorgesang. Gregorian war geboren.

Nichts für Puristen ist die Show, ist sie nie gewesen, wird sie nie sein. Bombast-Pop wie die "Hymn" von Barclay James Harvest trifft hier auf eine Ballade von Bob Dylan und Songs von U2, auch der "Engel" von Rammstein fällt nicht weiter aus dem Rahmen, Gregorian setzt auf den Rammstein-Bombast, unmöglich aber wahr, kurzerhand noch mehr Bombast. Und dazwischen? Findet sich auch noch ein Plätzchen für geistliches Liedgut wie "Pie Jesu" und "Gaudete".

In der Mitte des Publikums singen sie wie Mönche

Apropos freuet euch: Auf die Stimmen von Gregorian darf man sich in der Tat freuen, auch auf ihren Gast, den rumänischen Countertenor Narcis (Iustin Ianau). Gregorian begeistern dabei nicht so sehr in ihrem regulären Bühnenprogramm, in dem vieles durch technischen Schnickschnack, anstrengende Echo- und Halleffekte, zunichte gemacht wird. In einem kleinen A-cappella-Teil finden sich die Sänger in der Mitte des Publikums wieder. Und singen. Wie es die Mönche seit jeher gepflegt haben.

Dass ihr Medley bei genauerem Hinhören ein wenig eigenwillig bis gewagt anmutet? Seltsam, aber gewollt und so etwas wie das Erfolgsrezept von Gregorian und von ihren Fans heiß und innig geliebte Masche. Also, bitte anschnallen: Die "Crazy Crazy Nights" von Kiss treffen hier ungeschützt auf "Only You" von den Flying Pickets und "Good Night, Companions", in dem man unschwer Reinhard Meys "Gute Nacht, Freunde" wieder entdeckt. Standing Ovations.

 


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