Gedenkkonzert des Philharmonischen Chores in der Kilianskirche Heilbronn

Heilbronn  Der 75. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns durch britische Fliegerbomben steht im Mittelpunkt des Konzerts. Der intensive Auftritt kann musikalisch überzeugen und regt die Besucher zum Nachdenken an.

Von Michaela Adick
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Der Philharmonische Chor, Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart und vier Solisten gestalteten das Gedenkkonzert in der beinahe ausverkauften Kilianskirche Heilbronn.

Foto: Tina Schulze

Die Glocken klingen lange nach, und die Besucher in der beinahe ausverkauften Kilianskirche verharren noch ein Weilchen in ihren Bänken. Die Stille verbindet sie alle: das Konzertpublikum und die Musizierenden, die Betenden wie die Meditierenden. "Dona nobis pacem", der Wunsch nach Frieden, immer und immer wieder wiederholt, vom Philharmonischen Chor wie den vier Solisten, verzweifelt, drängend, an Intensität nicht zu überbieten, er lädt ein zum Nachdenken. Über das Konzert mit seinen liebenswerten, aber auch kuriosen Details, aber eben auch über den 75. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns durch britische Fliegerbomben.

Ein lange anhaltendes Glockengeläut, das auch von Passanten auf der Kilianstraße mit stillen Gedenkminuten quittiert worden war, hatte das Gedenkkonzert eingeleitet. Glocken, nun leiser, verhaltener und ungleich melancholischer in der Intonation, hatten es beendet.

Komponist Hans-Günther Bunz gibt eine persönliche Einführung

Und zwischen dem so oder so aufrüttelnden Klang der Glocken: Das Konzert unter der Gesamtleitung von Ulrich Walddörfer, das mit einer Uraufführung des gebürtigen Heilbronners Hans-Günther Bunz beginnt und von der "Missa Solemnis" von Ludwig van Beethoven gekrönt wird. Hochbetagt ist der ehemalige Chef der Abteilung "Leichte Musik" des "Süddeutschen Rundfunks" inzwischen. Doch eine persönliche Einführung in seine Sinfonische Dichtung "Heilbronner Inferno" für Chor, Orchester und Solo-Piano (Adrian Werum) will sich der 94-jährige, heute in Stuttgart lebende Komponist nicht nehmen lassen.

Bewegend spricht der Zeitzeuge vom Feuerschein, den er im Dezember 1944, Bunz war als Soldat in Frankreich stationiert, jenseits des Rheins gesehen hatte. Karlsruhe brannte, Wochen später erhält er die Nachricht, dass seine Eltern, die in der Heilbronner Schillerstraße wohnten, in der Bombennacht ums Leben gekommen waren. Mit starken Momenten, in denen der Philharmonische Chor und die Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart sich zurücknehmen, setzt seine kleine Sinfonische Dichtung ein.

Das Tempo ist getragen, es deutet Angst und Ungewissheit an. Eine Collage aus Geräuschen und Sirenenklängen entwickelt sich nach und nach und eine an und für sich schlüssige Dramaturgie, die hier jedoch kurioserweise durch Easy Listening und leicht angejazzte Episoden, ganz nah an Gershwin, konterkariert wird. Manch einer mag sich an Bert Kaempfert erinnert fühlen, andere an die sanften Klänge des Botho-Lucas-Chors.

Das Publikum wird am Ende gebeten, auf Applaus zu verzichten

Der Schnitt ist gewaltig, wenn es mit Ludwig van Beethovens "Missa Solemnis" aus dem Jahre 1824 weiter geht und mit vier Solisten, die sich erst noch zusammenraufen müssen. Krankheitsbedingt sind Joshua Whitener und Carmen Mammoser ausgefallen, Torsten Hofmann (Tenor) und Silke Marchfeld (Alt) sind von jetzt auf gleich für sie eingesprungen: nicht immer funktioniert hier die Kommunikation untereinander, auch nicht alle eventuell getroffenen Abstimmungen. Manches franst aus, wirkt wenig konkret. Die vier Solisten, die von Lydia Zborschil (Sopran) und Ulf Bästlein (Bass) komplettiert werden, gefallen in ganz kleinen, intimen Momenten: Im eindrucksvollen Sprechgesang im "Sanctus" etwa oder im bekräftigenden "Amen" des Glaubensbekenntnisses.

Solide arbeitet sich der Chor durch die schwierige Partitur und weiß in manch einem Moment zu überzeugen, am Ende des Glorias etwa, wenn eine Wellenbewegung, ein Aufbäumen durch den Chor zu gehen scheint. Auch im Credo ist so ein Moment, das durch Mark und Bein geht. Wie sich der Chor in "Et incarnatus est" steigert, wie er die sich anschließende Pause aushält, die Spannung ist in der Kilianskirche mit Händen zu greifen, bevor es mit "Et resurrexit", und er ist auferstanden, weitergeht: das ist großartig. Der Philharmonische Chor bittet das Publikum, auf Applaus zu verzichten. Die Glocken läuten. Das Publikum schweigt beklommen. Aber auch ein beredtes Schweigen kann eindrucksvoll sein.

 


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