Endlosigkeit des Strebens: Jahresausstellung in der Kunsthalle Vogelmann

Heilbronn  Eine vorgezogene Jahresausstellung von Mitgliedern von Kunstverein und Künstlerbund steht ganz im Zeichen der "Wege".

Von Michaela Adick
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Endlosigkeit des Strebens: Jahresausstellung im Kunstverein Heilbronn in der Kunsthalle Vogelmann
Eine Winterlandschaft? "Wege gehen und kommen, kommen und gehen" nennt Mia Strobel diese Gouache auf Leinwand. Foto: Andreas Veigel

Es mutet so überaus schlicht an, sich ausgerechnet mit dem Weg beschäftigen zu wollen. Ein Weg ist noch lange keine Straße, er ist klein, einfach in seiner Unauffälligkeit.

Befragt man ein große Onlinelexikon, so befindet es nüchtern, dass der Weg eine Verbindung zwischen zwei geografischen Orten ist. Wer hätte das vermutet. Aber kann das wirklich alles sein? Wenn sich nun eine große, jurierte und in diesem Jahr aus dem Dezember in den Spätsommer verlegte Gemeinschaftsausstellung von Kunstverein Heilbronn und Künstlerbund in den Räumen an der Allee mit dem Phänomen des Wegs, respektive mit dessen Plural, also den vielen Wegen auseinandersetzt: Muss da nicht mehr dahinter stecken?

Viele Wege führen nach Rom

Endlosigkeit des Strebens: Jahresausstellung im Kunstverein Heilbronn in der Kunsthalle Vogelmann
Horst Strümann platziert orange Flecken, die an Rettungswesten erinnern. Foto: Andreas Veigel

Ein ganz neuer Kosmos soll sich eröffnen und ein historischer, politischer und philosophischer Assoziationsraum. Ohne sich direkt an alte Machtfantasien wie "Alle Wege führen nach Rom" und dem längst zu Tode zitierten Konfuzius und seiner Metapher von "Der Weg ist das Ziel" abarbeiten zu müssen.

Doch nicht alle Künstler wissen diesen Spielraum, der ihnen geradezu auf dem Präsentierteller angeboten wird, zu nutzen. Viele landschaftlich sehr pittoreske Wege sind zu entdecken in dieser ein wenig überdimensionierten Ausstellung mit ihren 81 Arbeiten, die dicht an dicht hängen: eine verschenkte Gelegenheit?

Ach wo: Aus der ungebührlich wortklauberischen Beschäftigung mit dem Weg stechen andere Arbeiten umso mehr heraus. Da ist Peter Lahr, der in seiner Installation angeschlagene Globen zeigt, das Künstlerkollektiv BMP mit seinen Schuhen, die mit Blei beschwert sind, oder auch ein an ein Hamsterrad erinnerndes Holz-Objekt "Auf endlosem Weg" von Jürgen Wolfmüller. Die kleine Figur, die sich in diesem Rad befindet, läuft und läuft. Ihr Kampf ist sinnlos. Aber weiß sie es auch?

Politisch aufgeladene Arbeiten

Endlosigkeit des Strebens: Jahresausstellung im Kunstverein Heilbronn in der Kunsthalle Vogelmann

"Auf endlosem Weg" von Jürgen Wolfmüller: Die kleine Figur im Rad läuft und läuft. Ihr Kampf ist sinnlos. Aber weiß sie es auch?

Fotos : Andreas Veigel

Viele beschäftigen sich mit dem Gedanken des Weges in seiner unendlichen Dimension, sei es in Konnotation mit der Möbiusschleife, sei es mit einem Verweis auf Sisyphos. Horst Strümann zeigt eine politisch wie philosophisch aufgeladene Arbeit. Auf sechs miteinander verbundenen Tafeln, die Grundfarbe ist Grau in all ihren monströsen Schattierungen, platziert er orangefarbene Flecken, die an Rettungswesten erinnern. Menschen scheinen sich auf den Weg gemacht zu haben.

Gisela Postert zeigt in ihrer überaus schlichten wie nachdrücklichen Arbeit (Erde und Sand) ihre ganz persönlichen Wege, die hier im Nichts verlaufen mögen, aber durchaus nicht depressiv wirken. Linien kreuzen sich, eröffnen Optionen. Auch Martin Ulrich Ehret hat das Thema erweitert. Ehret dokumentiert in seiner Holzplatte die geheimen Wege eines Käfers. Der Baum mag vom Ungeziefer zerstört worden sein, Ehrets Holz wird indes zum Druckstock.

Koks-Linien mit Erinnerungen

Auch Annika Winkelmann öffnet sich in ihrer Installation einem größeren Interpretationsspektrum: In EurOpium verbindet sie profane Koks-Linien mit Erinnerungen an all die weiten Wege, die Kokain und andere Stoffe, etwa seltene Erden, nehmen. Der Weg von Kolumbien oder dem Kongo, er ist in jeder Hinsicht weit.

Ganz nah, vor Ort, in der jüngst aufgelassenen Offenauer Produzentengalerie B27 hat Rainer Matuschek recherchiert. Matuschek zeigt in seiner Fotoarbeit fein säuberlich arrangierte und leicht lädierte Holzstäbchen aus dem Parkett der Galerie. Auch das ein Weg, sich mit dem Weg zu beschäftigen.

Ausstellungsdauer

Kunstverein Heilbronn, Allee 28. Bis 6. Oktober. Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr.

Gemeinschaftsausstellung: Regulär findet die Jahresausstellung von Kunstverein und Künstlerbund Heilbronn als Finale Regionale im Dezember statt. Im Jahr der Buga ticken die Uhren anders. Die Gemeinschaftsschau ist aus organisatorischen Gründen vorgezogen. Was bleibt, sind die regen Teilnehmerzahlen: 77 Künstler aus der ganzen Republik haben 154 Arbeiten eingereicht. Eine Jury hat 64 Künstler mit insgesamt 81 Arbeiten zur Ausstellung "Wege" zugelassen.

 

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