Ein Leben für die Kirchenmusik

Heilbronn  Seit 30 Jahren ist Michael Saum Kantor am katholischen Deutschordensmünster in Heilbronn. Im Gespräch erzählt der 57-Jährige von seinen schwierigen beruflichen Anfänge, seinen ungewöhnlichen Arbeitszeiten und über ein Konzert-Highlight am 4. Oktober.

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Ein Leben für die Kirchenmusik

"Eine gute Orgel muss einen Charakter haben, gerne auch mit Ecken und Kanten", sagt Michael Saum, für den Musik neben der Familie der Lebensmittelpunkt ist. Seit 1989 ist er Kantor am Deutschordensmünster Heilbronn.

Foto: Mario Berger

Genau 21 Stufen sind es, die hinauf führen zur Orgel im Heilbronner Deutschordensmünster. "Ich bin diese Treppe schon unzählige Male hoch gelaufen. Aber ich muss gestehen, dass ich die Stufen in der langen Zeit noch nicht gezählt habe", sagt Michael Saum und lacht. Seit 30 Jahren ist der 57-Jährige Münsterkantor.

"Die Zeit verging wie im Flug. Als ich angefangen habe, wurde die Stelle gerade frisch hauptamtlich", erinnert sich Saum an seinen Berufseinstieg 1989 und damit an eine nicht immer ganz einfache Anfangszeit: "Bei meiner Bewerbung saßen beim Probedirigat des Chors rund 55 Sänger und Sängerinnen vor mir, ich war hellauf begeistert. Bei der ersten richtigen Probe waren es aber nur noch 25 Leute. Man muss sich eigene Strukturen schaffen, für den Chor werben", sagt der studierte Kirchenmusiker.

"Ich bin für alles verantwortlich, was in der Kirchengemeinde irgendwie mit Musik zu tun hat", fasst Michael Saum seinen Beruf in einem Satz zusammen. Muskalisch begleitetet er die Gottesdienste des Dekanats Heilbronn-Neckarsulm von Mittwoch bis Sonntag, bestimmt das jeweilige Programm. "Darüberhinaus leite ich den Chor am Deutschordensmünster, den Chor Crescendo, einen Kinderchor und eine Choralschola, die sich gregorianischen Klängen widmet." Dazu kommen zahlreiche Konzerte und - immer mehr - der ungeliebte Papierkram, der organisatorisch viel Zeit in Anspruch nimmt.

Michael Saum schätzt seinen Beruf wegen der Vielseitigkeit

Die leidigen Nachwuchsprobleme bei Chören macht auch Michael Saum aus, trotzdem will er nicht klagen. "Es stoßen immer wieder neue Leute dazu." Trotz Mitgliederschwund bei den Kirchen sieht der 57-Jährige die Zukunft von Kirchenmusikern nicht gefährdet: "Ja, der studierte Kirchenmusiker-Nachwuchs hat deutlich abgenommen. Das ist schon ein Spiegelbild dafür, dass sich weniger Leute für die Kirche interessieren und sich mit ihr identifizieren." Dennoch: "Es ist und bleibt ein spannender Beruf, der unglaublich vielseitig ist. Toll ist, dass man Menschen durch Musik innerlich berühren kann."

"Mein Vater sang in drei Chören, ich habe mit sieben Jahren mit Klavierspielen angefangen, mit 13 kam ich zur Orgel", blickt Saum auf seine Kindheit zurück. Die Faszination für die Orgel ging anfangs "nicht von der Musik und dem Klang aus, sondern eher von der Größe und den vielen Schaltern". Schnell keimt der Wunsch auf, das Instrument mit Unterricht zu erlernen. "Ich war in der Schule vielleicht ein wenig der Außenseiter, weil die Musik immer wichtiger war als beispielsweise der Fußballverein oder in der Disco abzuhängen." Was für Saum eine gute Orgel ausmacht? "Sie muss einen Charakter haben, gerne auch mit Ecken und Kanten." Die klangliche Konzeption "seiner" Orgel im Deutschordenmünster konnte er mitgestalten.

Am 4. Oktober ist das ZDF zu Gast im Deutschordensmünster

Als Kantor hat Saum einen vollen Terminkalender. Sein einziger freier Tag ist der Montag. Arbeitszeiten, die sich mit dem Familienleben nicht immer vertragen: "Sonntags habe ich wenig Zeit, mit kleinen Kindern war das nicht einfach. Inzwischen sind meine beiden Töchter erwachsen, da ist das nicht mehr so problematisch." Seine Freizeit verbringt Saum gerne in der Natur oder er entspannt bei einem Saunabesuch. Und natürlich mit Musik: "Ich höre auch privat Kirchenmusik, aber auch gerne Pop und Rock. Außerdem liebe ich Oper und Ballett."

Das nächste Highlight steht für Michael Saum am 4. Oktober an. Dann überträgt das ZDF live einen Gottesdienst im Deutschordensmünster. "Es gibt sogar eine Art Drehbuch, es muss zeitlich alles passen." Ein "bisschen aufgeregt" wird Michael Saum an diesem Tag also sein, wenn er die 21 Stufen zur Münster-Orgel hinauf geht.


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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