Ehrenkonzert für Ernst Helmuth Flammer in der Kilianskirche

Heilbronn  Zum 70. Geburtstag wird mit musikalischen Beiträgen das vielseitige Wirken des Heilbronner Komponisten geehrt. Zuvor hatte sich Flammer in das Goldene Buch der Stadt eingetragen.

Von Monika Köhler
Ehrenkonzert für Ernst Helmuth Flammer in der Kilianskirche

Präzise Gesangsbahnen: Das Vokalensemble Heilbronn ist einer der Interpreten beim Geburtstagskonzert für Ernst Helmuth Flammer in der Kilianskirche.

Fotos: Monika Köhler

Herausragendes hat Ernst Helmuth Flammer für die Akzeptanz der Neuen Musik geleistet. In Heilbronn, Deutschland und auf internationaler Ebene. Das ist schnell dahin gesagt. Was die Worte von Oberbürgermeister Harry Mergel bedeuten, der Flammer bei der Eingangsrede in der gut besuchten Kilianskirche in einem Atemzug mit musikalischen Größen des 20. Jahrhunderts wie Schönberg, Webern und Berg nennt und ihn an der Seite von Beethoven, Wagner und Mahler als Erneuerer stellt, zeigt sich dann im Lauf des Abends.

Das Ehrenkonzert zum 70. Geburtstag des Heilbronner Komponisten, vom Förderkreis für Neue Musik unter Leitung von Nanna Koch federführend im Namen der Stadt organisiert, zeigt Flammer in seiner Ganzheit: als Mensch, als Komponist, als Wegbereiter.

Flammer gewährt Einblicke in seine Jugend

Im Gespräch mit Moderator Stefan Fricke, Mainzer Musikprofessor und Musikredakteur, kommt Flammer, der sich vor dem Konzert ins Goldene Buch der Stadt Heilbronn eingetragen hat, selbst zu Wort. Er gewährt Einblicke in seine Jugend, die späte Berufung zur Musik, spricht über Vorbilder, wissenschaftliche Kontrahenten und den Jahre währenden Kirchenbann in Baden-Württemberg, hatte er mit seiner Musik doch einst "die pietistischen Gemüter überfordert". Kritisch hinterfragt er in seinen Werken Gegenwart, Ökologie und Gesellschaft, erhebt Einspruch gegen Technologiegläubigkeit und Inhumanität, setzt sich mit historischen und akuten Fragen des Lebens auseinander. Im Gespräch wird dies ebenso deutlich wie in den Jugendblättern "Conductus" und "Anotation/Aphorisme".

Christiana Mirgkorontsky legt am Flügel federnd düstere Einzeltöne vor, die von sich steigernder Dynamik überholt werden. Unbehagen, Zweifel, abrupter Abbruch schaffen wechselnde Stimmungen wie im sich anschließenden schrillen Stakkato, das im klirrenden Dialog mit dumpfen Akkorden mündet.

Hohe Konzentration und bereits technische Virtuosität sind nötig, um dem Werk gerecht zu werden. Und die junge Pianistin von der Städtischen Musikschule meistert diese Anforderungen ebenso wie ihre Kollegin Hannah Bürgy an der Harfe, die "Grenzrisse. Wege von Schreyahn zur Altmark" interpretiert: Klänge, in denen Flammer, der heute in Niedersachsen lebt, Gedanken und Emotionen nach dem Mauerfall verdichtet hat. Beim Schlagen, Zupfen und Streichen der Saiten entstehen Bilder von weitem Land, Wegen, die ins Nirgendwo führen, ein Gefühl von Ungewissheit und Neuanfang.

Der Komponist verarbeitet in "Mondnach" den Tod einer Jugendfreundin

Ähnlich streitbar zeigt sich "Panoptikum. Ein Klangmobil" mit der Musikerin Simone Ehinger am Sopransaxofon. In der Mitte der Kirche schafft sie im Dialog mit einem Vierkanal-Tonband einen Klangkosmos mit sich überlagernden Schwingungen und umher spazierenden Klopf- und Luftgeräuschen. Das sind 24 Minuten Kleinkunst für die Ohren. In einer Orgelfantasie zu Eichendorffs "Mondnacht" verarbeitete Flammer den Tod einer Jugendfreundin.

Einfühlsam formt Organist Thomas Astfalk auf den Manualen Klänge aus den Worten, kämpft mit dem Pedal gegen das Schicksal, umzogen von sakraler Wehmut, profanem Aufschrei und gefasster Ergebenheit. Unter Leitung von KMD Stefan Skobowsky präsentiert das Vokalensemble Heilbronn Flammers vierstimmiges Chorwerk "Shalom". Mit vokalen Stakkati, Rezitativen, turbachor-artigem Stimmengewirr und präzise artikulierten Gesangsbahnen.

 

 


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