Düsterer Heimatfilm mit Bildern aus dem Kraichgau

Heilbronn/Köln  In seinem Kino-Debüt erzählt er die Geschichte eines Missbrauchs: Regisseur Felix Hassenfratz stellt seinen Film "Verlorene" im Arthaus in Heilbronn vor. Ein Anti-Heimatfilm, der in der Region gedreht wurde.

Von Claudia Ihlefeld

Düsterer Heimatfilm: Regisseur Felix Hassenfratz stellt sein emotional packendes Kino-Debüt im Arthaus in Heilbronn vor
Valentin (Enno Trebs) und Maria (Maria Dragus)  

"Bei uns ist die Welt noch in Ordnung", hört man gern auf dem Land. Als ob es nicht gerade unter der Oberfläche der bürgerlichen Mitte brodelte. An dieser Oberfläche kratzt Felix Hassenfratz. Das Doppelbödige, die Doppelmoral und das Falschzüngige deckt Hassenfratz in seinen Filmen auf, die man als Anti-Heimatfilme verstehen darf.

In Heilbronn geboren, aufgewachsen in Eppingen, seine Frau kommt aus Kirchardt, kennt Regisseur Hassenfratz die "dörflichen Strukturen und ihre Brüche". Als Jugendlicher war "mir das alles zu eng, zu piefig". Nach Abitur und Zivildienst zieht er nach Köln und studiert an der Internationalen Filmschule. Jetzt kommt sein erster Lang-Spielfilm ins Kino. Am 17. Januar ist Bundesstart von "Verlorene". Dass die Promo-Tour zum Kino-Debüt im Arthaus in Heilbronn startet, bevor es nach Düsseldorf, Köln, Berlin, Stuttgart und weiter durch die Republik geht, liegt Hassenfratz am Herzen. Gedreht wurde in Ittlingen, in Tiefenbach, bei Sinsheim und in der Nähe von Bad Rappenau.

Auseinandersetzung mit der badischen Provinz

Warmbrunn heißt das Dorf im Film, der von einem Missbrauch erzählt, von Scham und Schuldgefühl des Opfers, der Sehnsucht nach Liebe und davon, wie eine Familie zerbricht. Die Auseinandersetzung mit der badischen Provinz hat Felix Hassenfratz schon bei seiner ersten Kurz-Dokumentation "Der Bäcker war's" im Jahr 2007 bewegt, einer 22-Minuten-Doku über Siegelsbach und den ungeheuerlichen Fall seines Dorfbäckers, der zum Bankräuber und Mörder wird.

Düsterer Heimatfilm: Regisseur Felix Hassenfratz stellt sein emotional packendes Kino-Debüt im Arthaus in Heilbronn vor
„Ich kenne die dörflichen Strukturen und Brüche“: In Heilbronn geboren, aufgewachsen in Eppingen, lebt Felix Hassenfratz in Köln und dreht in der Heimat. Foto: privat  

"Erzählerisch zieht es mich in die Heimat zurück", sagt Hassenfratz, der regelmäßig Familie und Freunde im Kraichgau besucht. Es ist dieser Blick von innen und von außen, aus einer intimen Distanz, der die Atmosphäre seiner Filme ausmacht. Dabei funktioniert "Verlorene" trotz regionaler Verortung als Geschichte, die überall spielen könnte. Beim Filmfest Emden-Norderney gewinnt "Verlorene" den Publikumspreis, obwohl im nordbadischen Dialekt gesprochen wird - ohne Untertitel. "Es gibt zu wenige Filme in Dialekt", findet Hassenfratz. Außer in Bayerisch, "das hat eine Sonderstellung".

Weltpremiere bei der Berlinale 2018

Weltpremiere feierte "Verlorene" letzten Februar bei der Berlinale in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino", kleinere Filmfestivals folgten, sowie Nominierungen und Preise. Sechs Jahre haben die Recherchen zu "Verlorene" gedauert, ein düsterer Heimatfilm, der ein brisantes Thema unsentimental erzählt.

Düsterer Heimatfilm: Regisseur Felix Hassenfratz stellt sein emotional packendes Kino-Debüt im Arthaus in Heilbronn vor
Vater Johann (Clemens Schick)  

Die 18-jährige Maria fühlt sich nach dem frühen Tod der Mutter verantwortlich für ihre jüngere Schwester Hannah, die den Ausbruch aus dem Dorf plant. Und für den Vater und ihr gemeinsames Zuhause. Stumm und stoisch erfüllt sie die Erwartungen der anderen, nur wenn sie Orgel spielt, fühlt sie sich frei. Als der Zimmermann Valentin beim Vater eine Anstellung findet, verliebt sich Maria. Doch je mehr Valentin sich ihr nähert, umso mehr zieht sie sich zurück. Die heile Welt ist über den Schwestern längst zusammengebrochen, als es Hannah gelingt, Maria und sich zu retten.

Als der Missbrauch an der Odenwaldschule öffentlich wurde und diskutiert, begann Hassenfratz, an seiner Filmidee zu arbeiten. "Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde, dass ich nicht von einer Institution erzählen wollte, sondern von Familie." 80 bis 90 Prozent aller Missbrauchsfälle finden im familiären Umfeld statt.

"In das Leben anderer hineingehen"

Düsterer Heimatfilm: Regisseur Felix Hassenfratz stellt sein emotional packendes Kino-Debüt im Arthaus in Heilbronn vor
Marias jüngere Schwester Hannah (Anna Bachmann)  

Interessiert Felix Hassenfratz das Dunkle im Menschen? Obwohl er privat gerne Komödien sieht? Seine Filme beschäftigen sich mit gebrochenen Lebensläufen. Sein nächster Langstreifen, der wieder in der süddeutschen Provinz spielt, wird immerhin eine Tragikomödie. "Frieda", so der Arbeitstitel, erzählt von zwei Frauengenerationen von den 60er Jahren bis in die 90er. Die Entwicklungskosten sind gesichert, jetzt müssen die Produktionskosten finanziert werden. "Wenn es gut läuft, beginnen wir 2021 mit dem Dreh." Dass der Vorlauf gerade bei Jungfilmern so lange dauert, ist nicht ungewöhnlich.

Woher seine Liebe zu bewegten Bildern rührt? "Ich habe schon als kleiner Junge meine Eltern mit Geschichten unterhalten. Vielleicht auch genervt." Als er zum 18. Geburtstag eine Videokamera bekommt, zieht Hassenfratz los und dreht seine erste Doku. "In das Leben anderer hineingehen, ohne Voyeurismus", das fasziniert ihn.

 

Film-Premiere in Heilbronn

Die Premiere findet am Donnerstag, 19.30 Uhr, im Arthaus statt. Mit dabei sind neben Regisseur Felix Hassenfratz, der ebenfalls gebürtige Heilbronner Max Frauenknecht (Produzent), Darstellerin Anne Weinknecht und Kameramann Bernhard Keller. 


Zur Person: 1981 in Heilbronn geboren, aufgewachsen in Eppingen, arbeitet Felix Hassenfratz nach dem Abitur als freier Autor und Redakteur für Magazinbeiträge, als Setfotograf und Regieassistent für Romuald Karmakar. Er studiert Filmregie an der Internationalen Filmschule Köln (ifs). Sein Abschlussfilm "Der Verdacht" wird mit dem Deutschen Kurzfilmpreis in der Kategorie "Bester Spielfilm" ausgezeichnet. 2011 wird seine Regiearbeit für die Dokureihe "Schnitzeljagd im Heiligen Land" mit dem Grimme-Preis geehrt. Sein Kino-Debüt "Verlorene" lief auf der Berlinale 2018 in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Der Regisseur, Drehbuchautor und zweifache Vater lebt mit seiner Familie in Köln.