"Die demokratische Mitte ist stark": Der Historiker Martin Sabrow im Interview

Berlin  Der Historiker Martin Sabrow spricht über Brüche deutsch-deutscher Geschichte, das Erbe des Berliner Mauerfalls und warum er am 9. November 1989 abends müde im Bett lag.

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"Die demokratische Mitte ist stark": Der Historiker Martin Sabrow im Interview

Martin Sabrow plädiert für wachsame Gelassenheit. Der Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin ist ein ausgewiesener Kenner deutsch-deutscher Geschichte. In Heilbronn hat der Historiker jüngst die Podiumsdiskussion "29 Jahre deutsche Einheit - eine Bilanz" in der Boxx des Theaters moderiert. Mit dem Träger des Golo-Mann-Preises für Geschichtsschreibung haben wir uns über Brüche deutscher Geschichte unterhalten.

Herr Professor Sabrow, die Debatte darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, ist neu entfacht. SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow lehnen den Begriff vehement ab als Diffamierung des Alltags in der DDR. Darf man die DDR einen Unrechtsstaat nennen?

Martin Sabrow: Ja, natürlich. Ich habe als Historiker nicht vorzuschreiben, wie andere zu reden und zu denken haben. Nach meiner Auffassung scheint der Begriff tauglich zu sein als Abgrenzung gegenüber einem Staat, der kein Recht kannte in unserem Sinne. Gehen wir aber tiefer, bin ich der Meinung, dass der Begriff nicht der angemessene ist, um die DDR zu verstehen.

Warum nicht?

Sabrow: Mir leuchtet die Kritik ein, die sagt, dass der Begriff Unrechtsstaat den Unterschied zwischen Nationalsozialismus und Realsozialismus verschleift. Der Begriff Unrechtsstaat überträgt westliche Maßstäbe und verkennt die Eigenlogik der kommunistischen Herrschaftsausübung. Der SED-Staat zielte nicht auf Rechtsverletzungen, sondern verfolgte ein materielles Gerechtigkeitsprinzip, das kein Problem in der systematischen Verletzung des formalen Rechts sah.


War die DDR der gescheiterte Versuch, eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen? Oder schlicht eine Diktatur, Herr Sabrow?

Sabrow: Schließt sich das aus? Der Versuch, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, konnte nach dem Selbstverständnis der Herrschenden nur auf dem Wege einer Diktatur erfolgen. Deshalb trifft der Diktaturvorwurf die SED-Machthaber nicht im Geringsten.


Und doch gibt es Stimmen, die den diktatorischen Charakter der DDR heute wieder relativieren.

Sabrow: Wer wollte ernsthaft heute bestreiten, dass die DDR eine Diktatur war? Höchstens im propagandistischen Sinne des Rechtspopulismus, von dem wir in diesen Tagen lesen, dass 38 Prozent der AfD-Anhänger in Deutschland die Verhältnisse in der DDR für eigentlich ganz erträglich hielten. Ich würde eher vom Auseinanderfallen unterschiedlicher Gedächtnisse sprechen.


Welche Gedächtnisse?

Sabrow: Ich unterscheide zwischen Diktaturgedächtnis, Arrangementgedächtnis und Anschlussgedächtnis. Das Diktaturgedächtnis hat sich öffentlich durchgesetzt und ist allgemein anerkannt. Doch daneben hat sich ein Arrangementgedächtnis etabliert, das sagt: Es gab auch ein richtiges Leben im falschen.


Und das Anschlussgedächtnis?

Sabrow: Ist eine dritte Spielart des Umgangs mit der DDR, die die eigene soziale und politische Entwertung in den Vordergrund stellt und sich als Opfer begreift. Also: Die Wessis haben uns übernommen. Dieses Gedächtnis blendet das revolutionäre Massenhandeln im Herbst 1989 keineswegs aus. Der Begriff orientiert sich am Anschluss Österreichs 1938: Kolonisierung mit Zustimmung der Kolonisierten.
 

Sprechen wir über Ihre Honecker-Biografie "Das Leben davor 1912-1945". Ihr Vorwort trägt den Titel "Honecker erzählen". Inwiefern haben Sie sich Honecker erzählerisch genähert?

Sabrow: Ein roter Faden meiner Erzählung liegt im Bemühen, hinter seine - in großen Teilen von Mitarbeitern des Zentralkomitees der SED verfasste - Autobiografie zu blicken und die Spannung zwischen der eigenen Ich-Erzählung und der objektivierbaren Lebensgeschichte auszuloten. Ein zweiter Anspruch ist der, dass ich die Geschichte eines ganz unvertrauten Erich Honecker erzähle: das Leben eines Saarländers und Jungkommunisten zwischen den großen Ordnungsmächten des 20. Jahrhunderts.


Welche Ordnungsmächte?

Sabrow: Durchgängig leitend war für Honecker das Engagement für den kommunistischen Weltentwurf, das war Familientradition. Aber auch die Bindungsmacht des Nationalsozialismus hat Honecker in den zehn Jahren seiner Zuchthaushaft nicht unberührt gelassen. Und die dritte Ordnungsmacht seines Lebens war ein ausgeprägter Regionalpatriotismus. Honecker war nicht weniger Saarbürger als Kommunist.


Sie waren Vorsitzender der Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED-Diktatur". 2006 hat die Kommission ihre Empfehlungen vorgelegt. Ist diese Aufarbeitung gelungen?

Sabrow: Wer wollte das abschließend beurteilen. Ich kann mit einer gewissen Befriedigung sagen, dass die Empfehlungen damals von der Bundesregierung abgebürstet wurden und sich dann geschichtspolitisch und -kulturell durchgesetzt haben. Wir erinnern heute, wie die Kommission damals programmatisch verlangte, an das brutale Grenzregime und an den repressiven Charakter der Diktatur. Aber im selben Maße auch an das Leben in der Diktatur, den Alltag in der DDR.


Wieso war 2006 die mediale Empörung so groß über die Empfehlungen?

Sabrow: Es herrschte damals noch die absurde Sorge, die DDR könne verharmlost werden. Dies verband sich mit dem Wunsch, die Defizite der NS-Bewältigung gegenüber der zweiten Diktatur auf deutschem Boden gleichsam wiedergutzumachen. Dass diese Haltung von einer falschen Gleichsetzung der beiden Diktaturen ausging, übersah man damals noch gerne.


Wie interpretieren Sie die Ostverklärung junger Leute?

Sabrow: Ist sie außerhalb der durchsichtigen Bemächtigungsversuche von rechts so stark? Die nostalgische Ostverklärung der 90er Jahre hat sich weitgehend überholt. Ein Film wie "Gundermann" verklärt nicht, aber er zeigt den Facettenreichtum einer verschwundenen ostdeutschen Gesellschaft.


Wie erklären Sie sich den allgemeinen Rechtsruck in Deutschland?

Sabrow: Der Rechtsruck folgt der neuen Frontlinie der westlichen Gesellschaft zwischen Illiberalismus und Liberalismus. Die liberale Demokratie steckt in einer tiefen Vertrauens- und Akzeptanzkrise. Aber die muss nicht in den Niedergang münden. Im Gegenteil - überall regen sich auch Kräfte der demokratischen Selbstbehauptung.


Sie sind zuversichtlich.

Sabrow: Die demokratische Mitte namentlich in Deutschland ist stark, und sie beginnt, wenn die Zeichen nicht trügen, im Bewusstsein der gewachsenen Gefahr, sich darauf zu besinnen, dass die Demokratie engagierte Demokraten braucht.


Ist der Osten Deutschlands wirklich anfälliger für Populismus?

Sabrow: Es gibt soziologische Studien, die die These stützen, dass die Zentren der bürgerschaftlichen Unruhe von 1989 in Ostdeutschland sich mit den Zentren des Rechtspopulismus stärker überlappen, als wir lange wahrhaben wollten.


Überrascht Sie das?

Sabrow: Die aggressive Staatsfeindlichkeit, die sich 1989 gegen die kommunistische Diktatur artikulierte, zeigt sich heute in der verbreiteten Abwehr und Schmähung des "Systems Merkel" oder der angeblichen Meinungsdiktatur der Medien. Unschön zu wissen, aber nicht abweisbar: Aus der friedlichen Revolution erwuchs auch Pegida. Die Haltung, es sich "von denen nicht mehr sagen zu lassen", die Bereitschaft, den Staat herauszufordern, mit dem man sich nicht identifiziert, ist kein Privileg linker Bewegungen, sondern bildet auch eine rechtspopulistische Tradition.

 

Zur Person

Martin Sabrow, 1954 in Kiel geboren, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor an der Humboldt-Universität Berlin, wurde mit einer Untersuchung zum Mord an Walther Rathenau promoviert und habilitierte sich mit einer Studie über die DDR-Geschichtswissenschaft. Für die Biografie "Erich Honecker - Das Leben davor" erhielt er 2017 den Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung. Martin Sabrow lebt in Berlin.

Reicht das als Erklärungsmuster?

Sabrow: Hinzu kommt: Unserer Gesellschaft ist die Zukunftsvision abhanden gekommen. Anstelle des Versprechens einer besseren Zukunft, einst die Kernhoffnung der Sozialdemokratie, tritt die immer aggressivere Suche nach Identität und Erfüllung in der Gegenwart.


Was ist zu tun?

Sabrow: Ich plädiere für entschiedene Gelassenheit. Das heißt nicht, dass es nicht klar Haltung zu zeigen gilt, wo und wenn die Grenzen des rechtsstaatlichen Umgangs in Wort und Tat überschritten werden. Aber wir brauchen Differenzierungsbereitschaft und Unaufgeregtheit im Umgang mit den Herausforderungen unserer politischen Kultur. Damit die dünne Ideologie des Rechtspopulismus nicht zu der umfassenden Bedrohung der westlichen Demokratie aufgebläht wird.


30 Jahre Mauerfall: Ihre Bilanz?

Sabrow: Erleichterung darüber, dass das Zeitalter der Extreme so friedlich zu Ende gegangen ist. Und die Erkenntnis, dass der Herbst 1989 den Auftakt neuer historischer Herausforderungen bildet.


Und wo waren Sie am späten Abend des 9. Novembers?

Sabrow: Im Bett. Unsere Kinder waren klein, und wir waren abends müde. Als Studienräte an einem Gymnasium in Berlin-Grunewald hatten wir am nächsten Tag um 8 Uhr in der Schule zu sein. Ich wollte eine Klausur zum deutsch-deutschen Verfassungsvergleich schreiben lassen. Die fiel dann aus.

 

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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