Deichkind feiern mit 10.000 Fans in der Schleyer-Halle in Stuttgart

Stuttgart  Eine atemberaubende Live-Show für alle Sinne: Zwischen Elektro-Trash, Rap, Theater und promillebetankter Performance-Kunst präsentieren sich Deichkind als etablierte Marke im Showgeschäft.

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Als Pappaufsteller mit dabei: Lars Eidinger (hinten links). Fotos: Ranjo Doering.
Ganz ohne Lars Eidinger können Deichkind dann doch nicht. Der Schauspieler, der zuletzt als Dauergast in den Musikvideos der Hamburger Band mitwirkte, ist am Freitagabend auch in Stuttgart zu Gast, wenn auch nicht in physischer Natur. Zu Beginn wird Eidinger unter großem Jubel der 10 000 Fans in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in einem eingespielten Video nackt von einem Kran in einem großen Bottich blauer Farbe versenkt und anschließend als lebender Pinsel über eine große Leinwand geschleift. Während des Konzerts ist der 44-Jährige als Pappaufsteller mit auf der Bühne unterwegs. 
 
Deichkind präsentiert sich als etablierte Marke
 
Wie beschreibt man in wenigen Sätzen ein Deichkind-Konzert? Wahrlich keine leichte Aufgabe. Eine Liveband gibt es beim Trio, das auf der Bühne für die Tanzchoreographien durch vier weitere Personen ergänzt wird, nicht. Die Hamburger, die mit Hip-Hop-Songs ihre ersten Erfolge feierten, haben eine erstaunliche Wandlung genommen und sich inzwischen als eigene Marke etabliert: irgendwo verortet zwischen Elektro-Trash, Rap, Theater und promillebetankter Performance-Kunst.
 
Knallbunte Bühnenbilder, wummernde Bässe und gesellschaftskritische Inhalte
 
Inzwischen füllt die Band damit die großen Hallen im deutschsprachigen Raum, daran angepasst haben sich auch die Live-Show. Was früher noch ein zügelloser Exzess ohne jedes Ziel war, ist inzwischen einer vollkommen durchchoreographierten Anarchie gewichen. Zeit darüber nachzudenken bleibt indes kaum. Vor knallbunten Bühnenbildern ist immer etwas los. Zu wummernden Bässen ist für den Zuschauer der Spagat zwischen gesellschaftskritischen Inhalten und Prollkultur vor allem eins: eine Reizüberflutung.
 
Da wird wild mit roten Leuchtstäben gefuchtelt, zu zuckendem Stroboskoplicht auf Trampolins rhythmisch im Takt gehüpft und mit goldenen Kanonen T-Shirts in die Menge geschossen. Mehrfach wechselt die Band die Outfits, tritt mal mit überdimensionierten leuchtenden Pappmaschee-Köpfen auf die Bühne, rappt im nächsten Moment mit den Deichkind-typischen tetraederförmigen Hüten, um anschließend in grell pink gesprenkelten Kostümen mit passenden Gesichtsmasken zu überraschen.
 
Am Puls der Zeit 
 
Textlich schafft es die Band am Puls der Zeit zu sein, greift durchdacht und mit Witz Themen aus dem Alltag auf. „Cliffhänger“ verhandelt die überhandnehmende Streaming-Kultur, „Illegale Fans“ belächelt den Kampf gegen Windmühlen bei Musikdownloads im Internet, der Druck im stressigen Büroalltag wird mit „Bück dich Hoch“ augenzwinkernd erörtert.
 
Eine wichtige Rolle im Deichkind-Universum spielt Bier, dem haben die Hamburger gleich mehrere Songs gewidmet. „Hört ihr die Signale“ fordert „ein Hoch auf die internationale Getränkequalität“, „1000 Jahre Bier“ wagt einen Blick in die lange Geschichte des Gerstensafts. Bei „Roll das Fass rein“ schwenkt die Band eine „Kein Bier für Nazis“-Fahne.  Die Zeilen „Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen“ mit dem Frankie Goes To Hollywood-Schmachter „The Power of Love“ zu verbinden – das schaffen wirklich nur Deichkind. 
 
Gute-Laune-Chaos-Hymne mit Kissenschlacht
 
Nach über zweieinhalb Stunden endet ein überzeugendes Konzert mit dem größten Hit der Band, der Gute-Laune-Chaos-Hymne „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“. Dazu wird eine Kissenschlacht veranstaltet und ein Schlauchboot fährt über die tanzende Menge. Puh, da muss man anschließend erst einmal durchatmen.

Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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