Ausstellung in der Kunsthalle Würth zeigt ein Multitalent des Barock

Schwäbisch Hall  Die Ausstellung "Leonhard Kern und Europa" in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall präsentiert den gebürtigen Forchtenberger als stilbildenden Bildhauer des 17. Jahrhunderts und zieht Vergleiche zur Kunst der Gegenwart.

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Im Dialog: Leonhard Kerns "Kleopatra mit Schlange am Busen", um 1650, Elfenbein, und "Silence passion VI" und "Silence passion IX", 2004, Digitaler Druck auf Styropor des portugiesischen Künstlerkollektivs DDiArte.

Foto: Julia Schambeck

Von Forchtenberg in die Welt und zurück nach Schwäbisch Hall: Der Barock-Bildhauer Leonhard Kern muss ein wissbegieriger Zeitgenosse gewesen sein - und doch bodenständig. Mit internationalen Kontakten und weltläufig, wie jeder nachhaltig gute Künstler, stets im Austausch und im Dialog.

Wie sehr Kerns Kunst für ein grenzenloses Europa steht, führt die umfassende Ausstellung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall vor Augen, die endlich besucht werden darf: wenn neben den nach wie vor herrschenden Hygienemaßnahmen eines der drei Gs - genesen, geimpft, getestet - erfüllt ist.

Kerns Haller Werkstatt belieferte Europas Fürsten

"Leonhard Kern und Europa. Die Kaiserliche Schatzkammer Wien im Dialog mit der Sammlung Würth" präsentiert nicht nur einen der bedeutendsten Künstler des 17. Jahrhunderts und seine Stellung in der Bildhauerkunst, sondern auch, wie sehr Gesellschaft und Kultur jener Zeit von der Vielfalt Europas profitierten. Dabei prägte der Dreißigjährige Krieg Kerns Hauptschaffenszeit, nichtsdestotrotz behauptete er sich als erfolgreicher Unternehmer. Kerns Werkstatt in Hall lieferte über vier Jahrzehnte Kleinplastiken an die Fürstenhäuser Europas. Kleinplastiken aus Elfenbein, Alabaster und Buchsbaum, das Geld für Großplastiken war während des Kriegs knapp. Vor allem die kaiserliche Familie in Wien muss einen Narren an dem Hohenloher gefressen haben.

Ausstellungsdauer

Bis 3. Oktober, Kunsthalle Würth täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei, der begleitende Katalog kostet 49 Euro.

Hällisch-Fränkisches Museum: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei.

Von den Habsburgern gegründet, zählt die Wiener Kunst- und Schatzkammer nicht nur zu den interessantesten Sammlungen ihrer Art weltweit. Keine andere Sammlung besitzt mehr Werke von Leonhard Kern, seit 130 Jahren wird sie im Kunsthistorischen Museum Wien aufbewahrt.

Aus Wien sind nun in Hall bis Oktober neben zentralen Werken Kerns auch Arbeiten seiner Zeitgenossen und Vorbilder zu Gast: Skulpturen und Bilder wie der Heilige Sebastian aus der Werkstatt Guido Reni, "Bathseba im Bade" von Hans von Aachen. Die fantastische "Venus felix" von Pier Jacobo Alari de Bonacolsi, genannt Antico, oder "Der fliegende Merkur" aus der Werkstatt Giovanni Bolognas.

Der Blick reicht ins 20. und 21. Jahrhundert

Die Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum Wien nutzen die Ausstellungsmacher der Haller Schau, Kern und seiner Zeit zeitgenössische Antworten aus der Sammlung Würth gegenüberzustellen, so dass der Blick ins 20. Jahrhundert und darüber hinaus reicht.

Multitalent des Barock

Leonhard Kern: "Drei Grazien", Relief, um 1650.

Foto: Sammlung Würth

Arbeiten von Alfred Hrdlicka, auf dem Vorplatz der Kunsthalle positionieren sich gleich mehrere Plastiken des Österreichers, von Georg Baselitz, Fernando Botero, Pablo Picasso, Jean Arp, Stephan Balkenhol, dem Mexikaner Alberto Gironella, Lambert Maria Wintersberger, Marc Quinn und vielen mehr bis hin zum portugiesischen Künstlerkollektiv DDiArte reflektieren die zeitlose Moderne Leonhard Kerns - ohne explizit auf ihn Bezug zu nehmen.

In seiner Studie "Das offene Kunstwerk" hat der italienische Semiotiker Umberto Eco 1962 das Wesen des Barock auf den Punkt gebracht: "Die barocke Form (...) ist dynamisch, strebt nach einer Unbestimmtheit der Wirkung (...) und suggeriert eine fortschreitende Auflösung des Raumes (...)." Der bewegte Blick auf Kerns stilbildende Formensprache gerät zu einem beeindruckenden Rundgang durch die Kunst(geschichte).

Hier wird die Kreativität des Künstlers gehuldigt

Das Sammeln von Objekten demonstriert im 17. Jahrhundert mehr noch als heute Macht. Doch nicht nur die Kaiserliche Schatzkammer Wien birgt virtuose Schätze. Vergangenes Jahr etwa konnte die Sammlung Würth die lange verschollen geglaubte Pariser Laokoon-Gruppe von Kern erwerben. Sie zeigt Laokoon und seine Söhne in einer Rundumansicht, ein Novum um 1620. Diese Schau, die keine reine Leonhard-Kern-Ausstellung ist, bindet seine Werke ein in Vorbilder und Nachbilder als nicht enden wollender Dialog. Oder, wie es Fritz Fischer formuliert, Direktor der Kaiserlichen Schatz- und Kunstkammer Wien, eine "Huldigung der Kreativität des Künstlers".

Leonhard Kern nach Schwäbisch Hall zurückzuholen, ist letztlich die Kooperation von drei Häusern. In einer eigenen Schau präsentiert das Hällisch-Fränkische Museum mit "Leonhard Kern und der Dreißigjährige Krieg" das Umfeld, das den Forchtenberger prägte. Als beeindruckendes Zeugnis jener bedrohlichen Zeit darf man Kerns "Drei Klagende" betrachten - eine Umdeutung des Motivs der "Drei Grazien".

Leonhard Kern, 1588 in Forchtenberg geboren als Sohn des Steinmetz und Werkmeisters Michael Kern, besuchte das Gymnasium in Öhringen, absolvierte in Würzburg bei seinem Bruder eine Bildhauerlehre und ging zu Studienzwecken nach Italien. 1614 heiratete Kern in Forchtenberg Amalia Zöllner. Nach verschiedenen Stationen gründete er 1620 in der Reichsstadt Schwäbisch Hall eine eigene Werkstatt und spezialisierte sich auf kleinfigurige Kabinettstücke. 1662 starb Kern in seinem Stadthaus in Hall.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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