Ab jetzt in der Boxx: Das vergnügliche Gruselstück "Nachtgeknister"

Heilbronn  Das Publikum bejubelte die märchenhafte Premiere des neuen Kinder- und Familienstücks am Heilbronner Stadttheater. Manche Erwachsene schaudert es allerdings gelegentlich.

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Ab jetzt in der Boxx: Das vergnügliche Gruselstück "Nachtgeknister"

Der Mond soll auf François (Patrick Isermeyer) aufpassen, wenn Maman (Sarah Finkel) weg muss. Schwester Marie (Anja Bothe) zieht andere Strippen.

Foto: Thomas Braun

Brutal und grausam ist "Hänsel und Gretel". Das Grimmsche Märchen kann Kinder in Albträume treiben. Aber auch, wenn sich "Nachtgeknister", das am Sonntag unter der Regie von Nicole Buhr Premiere in der fast ausverkauften Boxx feierte, an die Erzählung von den Kindern, die sich ins Hexenhaus verirren, anlehnt, macht die Vorstellung der Schauspieler Anja Bothe, Patrick Isermeyer und Sarah Finkel das Publikum vor Vergnügen kribbeln.

Die Gruselgeschichte ist schon für Sechsjährige gut auszuhalten. Erwachsene im Publikum schaudert es allerdings gelegentlich, wenn sie Anleihen an Stephen Kings "Es" und den darauf basierenden Horrorfilm entdecken.

Rituale beruhigen die Gemüter

In Mike Kennys "Nachtgeknister" muss die alleinerziehende Mutter, französisch "Maman" genannt (Sarah Finkel), ihre Kinder abends alleine lassen. Sie arbeitet als Köchin im Dorfcafé. Bevor sie geht, bringt sie Marie und François mit einem Ritual ins Bett. Sie singt mit ihnen das Lied vom guten Mond, öffnet die Fensterläden und vertraut die beiden dem Schutz des Himmelskörpers an. Regelmäßig fragt François, der Jüngere, seine Maman: "Was kochst du heute?" Nur die Antwort variiert täglich.

Die Panik, wenn das Kind plötzlich weg ist

Eines Tages hören die drei die Musik der Kirmes durchs geöffnete Fenster, die Kinder überreden die Mutter zum Besuch. Nach Achter- und Geisterbahnfahrt geht François im Gewühl auf dem Rummel verloren. Bei der Mutter bricht Panik aus. Als sie ihren kleinen Sohn wiederfindet, entlädt sich ihre Angst um das Kind in Geschimpfe und Drohungen. Er solle nie wieder weglaufen, denn, so fällt der Köchin naturgemäß als Antwort auf die vielen Warum-Fragen des neugierigen Jungen ein: "Hier gibt es Leute, die klauen Kinder, und dann essen sie sie".

Normalerweise, so hat Marie den Bruder zuvor belehrt, "sagen Erwachsene nicht immer die Wahrheit. Sie lügen, damit du keine Angst hast". Die kluge, gleichzeitig kindlich-durchtriebene Schwester weiß aber auch über die Mama: "Aber eigentlich sagt sie es, (dass der Mond Schutz bietet), weil sie selber Angst hat."

Manchmal machen Lügen Angst

Als Marie François eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen soll, nutzt sie die angstvolle Droh-Lüge der Mutter gnadenlos aus, um den Kleinen richtig das Fürchten zu lehren. Wurde die geliebte Maman tatsächlich von einer Geisterbahnhexe in eine Kannibalin verwandelt? Oder muss die Köchin nun für Gruselclowns Kinder- statt Rinderbraten zubereiten?

"Du bist so süß, ich könnte dich aufessen" - für den Jungen sind Mamans Worte überzeugende Indizien, die wissenden Kinder im Publikum kringeln sich jedoch vor Lachen, wenn sie von "Pfirsiche(n), zart wie kleine Babypopos" spricht.

Das Stück berührt trotz inszenierter Distanz

Überhaupt ist das die große Stärke des berührenden Stücks: Kinder wie erwachsene Zuschauer können sich mit den Personen und ihren Ängsten identifizieren, aber es flößt keine Angst ein.

Denn die märchenhafte Bühnenausstattung (Gesine Kuhn) fasziniert: Vielseitig einsetzbare blaue Seile können auch als Metapher für das kribbelnde Gefühlsdurcheinander, das Grusel verursacht, gesehen werden. Bilder und Musik (Manuel Heuser) verzaubern die Stimmung in der Boxx. Die drei Schauspieler verkörpern ihre Figuren überzeugend, distanzieren sich aber auch immer wieder, indem sie erzählen, statt zu spielen. Da sagt François-Isermeyer etwa "gähn", anstatt es zu tun. Auch die französischen Namen verfremden, zufällig (siehe Kasten). Die Theaterstunde vergeht im Nu, das Publikum dankt mit anhaltendem Applaus.

Der erfolgreiche Autor ist Brite

Seit Jahren ist der Brite Mike Kenny mit seinen Theaterstücken für Kinder und Jugendliche international erfolgreich. "Nachtgeknister" entstand als Auftragswerk für die Comédie de Valence in Frankreich. Das Stück wurde 2008 als Best Play for Children and Young People (Writers'Guild Award), 2012 mit dem Deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet.

 


Susanne Schwarzbürger

Susanne Schwarzbürger

Autorin

Susanne Schwarzbürger ist seit 2000 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Im Team Kinder & Jugend sowie Familie kümmert sie sich um die entsprechenden Themen und Projekte. Gelegentlich hilft sie im Kulturressort aus. 

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