Zwischen Aufbruch und Verharren

Heilbronn - Uraufführung der Oper "Minsk" von Ian Wilson − Kooperation von Stadttheater und WKO.

Von unserem Redakteur Uwe Grosser

Zwischen Aufbruch und Verharren

Die junge Anoushka (Johanna Greulich, rechts) streitet mit Anna (Ksenija Lukic), während Fyodor (Niklas Romer) wie versteinert zuhört.

Foto: Katja Zern

Heilbronn - Kein Heimweh ohne ein Gefühl für Heimat. Doch was genau ist denn Heimat? Einfach nur ein Ort? Heimat ist mehr, sie hat mit Menschen zu tun, mit Landschaften, mit Gerüchen, mit einer Gefühlswelt, die durchweg positiv besetzt ist. All das fehlt Anna, sie fühlt sich heimatlos.

Vor 20 Jahren aus Minsk in Weißrussland nach London ausgewandert, hat sie ihr Glück nicht gefunden. Andererseits: Was wäre in Minsk aus ihr geworden? Zwischen diesen beiden Polen ist ist die inzwischen ergraute Frau hin- und hergerissen - und träumt sich zurück nach Minsk.

Feinfühlig

"Minsk" heißt auch die Oper des Nordiren Ian Wilson, die am Sonntagabend im Großen Haus des Theaters Heilbronn uraufgeführt wurde und viel Applaus erntete. Das Libretto stammt von Lavinia Greenlaw. Die bislang vierte Kooperation von Stadttheater und Württembergischem Kammerorchester Heilbronn (WKO) ist eine musikalisch fesselnde und erzählerisch feinfühlige Auseinandersetzung mit dem Thema Migration, das in der Frage gipfelt: Wann ist man eigentlich angekommen?

Es ist der Verlust "von Liebe, Zuhause und Kraft", den Anna immer wieder bedauert. In Minsk trifft sie sich selbst, 20 Jahre jünger und voller Aufbruchstimmung: "Ich bin du." Doch was wird aus Fyodor, ihrem Freund, der als Dichter in London schon wegen der Sprache kaum Fuß fassen könnte? In dieser Zwickmühle von Aufbruch und Verharren steckt die junge Anna, die sich noch Anoushka nennt.

Regisseur Christian Marten-Molnár macht diesen Moment, in dem Mutter auf Tochter zu treffen scheint, zum intensivsten. In der Trostlosigkeit, egal ob London oder Minsk, sind solch aufwühlende Emotionen selten.

Inszeniert hat Marten-Molnár ganz nach dem Rhythmus der Musik, der in Wilsons Partitur die zentrale Rolle spielt. Hier erweist sich das WKO mal wieder als Präzisionsklangkörper, geführt von seinem Chefdirigenten Ruben Gazarian, der mit klarer, großer Geste dirigiert.