"Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte"

Heilbronn - Vor 25 Jahren ermöglichte eine Spende des Heilbronner Unternehmers Ernst Franz Vogelmann (1915-2003) an den Museumsfreunde-Verein den Ankauf des Bozzetto "L’Action enchainée" (1905) des französischen Bildhauers Aristide Maillol (1861-1944) für die städtische Sammlung.

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Heilbronn - Vor 25 Jahren ermöglichte eine Spende des Heilbronner Unternehmers Ernst Franz Vogelmann (1915-2003) an den Museumsfreunde-Verein den Ankauf des Bozzetto "L’Action enchainée" (1905) des französischen Bildhauers Aristide Maillol (1861-1944) für die städtische Sammlung. Bozzetti sind Entwürfe für größere plastische Arbeiten. Dieser Ankauf wurde damals als "Sternstunde" für die Museen gefeiert.

Übergabe des Maillol-Bozzetto am 25. Februar 1987: (von links): Museumsdirektor Andreas Pfeiffer, Stifter Ernst Vogelmann und Helmut Mattes, Erster Vorsitzender des Museumsfreunde-Vereins.Foto: Archiv/Kleinknecht
Unser Redakteur Andreas Sommer hat sich mit Marc Gundel über den heutigen Stellenwert der Bozzetti-Sammlung, den Kunststandort Heilbronn und die Akzeptanz der Kunsthalle Vogelmann unterhalten.

Der Maillol-Ankauf war vor 25 Jahren ein Paukenschlag für das Mäzenatentum in der Region. Was bedeutet das Werk für die Sammlung heute?

Marc Gundel: Man durfte damals durchaus von einem Signal und einer Aufbruchstimmung in Richtung Deutschhof sprechen. Damals hatten die Museen ja noch gar kein eigenes Gebäude. Das wurde erst 1991 eröffnet. Nachdem die Skulpturenallee zur Landesgartenschau 1985 erfolgreich über die Bühne gegangen war, spürte man Ende der 80er Jahre einen deutlichen Rückenwind für die Sammlung.

Damals ist Ernst Vogelmann erstmals als Mäzen in Erscheinung getreten. Wo stünde Heilbronns Museumslandschaft heute ohne ihn?

Gundel: Gar nicht auszudenken. Das über die Kleinskulpturen-Sammlung erworbene Profil gründet auf Vogelmanns Engagement. Mit seinem Mäzenatentum für die Sammlung trat er damals aus dem Kreis der Museumsfreunde hervor. Das hat ihn ermutigt, 1996 die Stiftung ins Leben zu rufen, die sukzessive erweitert wurde.

Welche Rolle spielte der Museumsfreunde-Verein?

Gundel: Die frühe Gründung 1982 war richtig und richtungsweisend. Im Hinblick auf die Profilierung der Museen haben die Museumsfreunde eine wichtige Rolle gespielt und bei der Durchsetzung von Projekten im öffentlichen Raum wertvolle Lobbyarbeit geleistet, etwa bei Franz Bernhards "Brückenköpfen".

Ihr Vorgänger Andreas Pfeiffer prägte den Begriff der Skulpturenstadt Heilbronn. Ist er noch gültig?

"Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte"

Marc Gundel

Foto: Archiv/Sawatzki

Gundel: Ja, auf jeden Fall. Die Skulpturenallee hat 1985 einiges bewegt. In der Kernstadt und vor allem auch in den Stadtteilen sind die unterschiedlichsten Künstler mit ihren Skulpturen nach wie vor präsent. Den Gedanken haben Dieter Brunner und ich ja auch fortgeführt mit dem Skulpturenpfad am Wartberg. Ich könnte mir auch vorstellen, alle Preisträger des Ernst-Franz-Vogelmann-Preises für Skulptur bei der Bundesgartenschau zu präsentieren.

Welche Rolle spielt die Bozzetti-Sammlung in Ihren Überlegungen?

Gundel: Ich habe den Begriff abgelegt und ihn allgemein auf die Kleinplastik ausgeweitet. Unsere Ankäufe sind auch wegen der Preisentwicklung weniger spektakulär. Es war fachlich richtig, für die Profilierung der Museen die Bozzetto-Nische zu besetzen. Der moderne Ausstellungsbetrieb mit dem heutigen Transport- und Ausleihverkehr hat die Idee aber obsolet gemacht.

Wie würden Sie das Profil der Kunststadt Heilbronn definieren?

"Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte"
Gundel: Wir kommen um einen erweiterten Kunstbegriff nicht herum. Wir haben hervorragende Beispiele für figürliche Plastik, aber wir müssen das Gesamtbild von Skulptur um ausgewählte zeitgenössische Positionen ergänzen. Es gibt jetzt Beuys-Arbeiten in unserer Sammlung, und auch die Arbeiten der Preisträger des Ernst-Franz-Vogelmann-Preises für Skulptur korrigieren den Begriff von figürlich-statischer Skulptur. Immer wichtiger werden die sogenannten In-Situ-Projekte, also Skulpturen bezogen auf das räumliche, architektonische und soziale Umfeld. Dazu böte sich die Bundesgartenschau an.

Hat sich die Akzeptanz von Kunst im öffentlichen Raum in den vergangenen 25 Jahren verbessert?

Gundel: Oh ja. Als Ergebnis der ganzen Auseinandersetzungen haben heute mutigere Positionen wie die von Roman Signer oder Franz Erhard Walther eine Chance.

Einen Aufruhr wie bei Franz Bernhards "Brückenköpfen" 1999 auf der Ebert-Brücke wird es nicht mehr geben?

"Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte"
Gundel: Mit Sicherheit nicht.

Wie wichtig ist Kunst im öffentlichen Raum Heilbronns?

Gundel: Sehr wichtig. Uns fehlen bewusstseinsstiftende Orte und markante Architekturen aus den 70er und 80er Jahren. In dieses Vakuum kann Kunst im öffentlichen Raum stoßen. Die Idee einer Galerie der Straße halte ich im Hinblick auf die Öffnung für ein kulturelles Bewusstsein für elementar.

Wie läuft die Kunsthalle Vogelmann?

Gundel: Wir hatten einen tollen Auftakt mit Beuys und dann das Niveau nicht ganz gehalten. Die Auslastung mit Gruppen ist erfreulich, bei Einzelbesuchern haben wir uns mehr versprochen.

Haben Sie im Jahr 2011 die anvisierten 20 000 Besucher erreicht?

Gundel: Nicht ganz. Knapp 18 000.

Zufrieden mit der Füger-Schau?

Gundel: Sehr. Da haben wir nationale Aufmerksamkeit, auch medial. Bisher kamen 3500 Besucher.

Liegt das Besucherdefizit nicht auch an der Kraut-und-Rüben-Ausstellungspolitik?

Gundel: Ich bin ein Freund der Vielfalt, die ist nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Mit den Vogelmann-Preisträgern haben wir eine Kontinuität. Füger und die Schätze aus Bochum lassen sich unter dem Stichwort "Dinge, die Heilbronn verloren hat" subsummieren. Wir müssen die Menschen aus der Region mehr mobilisieren. Mir tut weh, wenn ich höre: "Jetzt waren wir in der Kunsthalle, das reicht wieder für ein Jahr."


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