Umzug in Kunsthalle Vogelmann läuft auf Hochtouren

Heilbronn - Am Freitag wird an der Ecke Allee/Karlstraße die Kunsthalle Vogelmann eröffnet. Der Erweiterungsbau an der Harmonie vereint unter einem Dach die Städtischen Museen Heilbronn und den Kunstverein.

Von Claudia Ihlefeld
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Quer durch die Fußgängerzone
Was Klassisches: Bildhauer Georg Herold sieht sich die Räume an.
Heilbronn - Der Kunstverein ist zuerst an der Reihe. Unspektakulär wie der Umzug aus einer Eineinhalbzimmer-Wohnung geht es von der Titotstraße zurück in die Kunsthalle an der Allee. Leergut, Staubsauger, Jalousien, Stühle, Büromaterial, Computer, Kartons mit den speziellen weißen Handschuhen, mit denen Kunstgegenstände angefasst werden, Flyer, Putzmittel, Plakate: Ein Wochenende lang hat Matthia Löbke gepackt, an diesem Morgen 9 Uhr ist der Lieferwagen der Aufbaugilde vorgefahren.

Zwei Stunden später steht die Ausstellungsleiterin des Heilbronner Kunstvereins inmitten der Kisten und Kartons in den leeren Räumen der neuen Kunsthalle, die am Wochenende eröffnet wird. Anders als für die Städtischen Museen ist dieser Umzug "für uns nur kleines Besteck". Und eigentlich ein Zurückkehren an den alten Platz. Seit 1958 − mit einer Unterbrechung − ist der Kunstverein Heilbronns Institution für zeitgenössische Kunst und in der Harmonie untergebracht. Im Frühjahr 2009 zieht der Kunstverein in sein Interimsdomizil in die Titotstraße, um dem Erweiterungsbau Platz zu machen. Das meiste Hab und Gut des Vereins bleibt im Lager in der Harmonie.

Anthrazitfarben

"Wir sind Altbestand", sagt Löbke. Wenn am 2. Oktober die Kunsthalle Vogelmann eröffnet wird, ist der Kunstverein der kleine Partner einer neuen Kooperation. Gemeinsam mit den Städtischen Museen werden in dem anthrazitfarbenen Kubus klassische Moderne und Kunst der Gegenwart unter einem Dach präsentiert: im Erdgeschoss der Kunstverein, in den beiden oberen Geschossen die Städtischen Museen.

"Das fühlt sich gut an. Wie eine richtige Kunsthalle eben", sagt Matthia Löbke wenige Tage bevor es losgeht. "Größer, mehr Geschäftigkeit, komplexer". Noch hallen die Stimmen im Raum und die Schritte auf dem Fließboden aus Industrieharz und dem graugestrichenen Estrich. Im Museumscafé "ray lemon" wird der zitronengelbe Tresen eingerichtet. Die blitzweißen Tische und Stühle stehen wie in einer Ausstellungsküche menschenleer in Reih und Glied, durch die Glasfront der Lounge fällt der Blick auf den Bauzaun auf dem Harmonie-Vorplatz.


Die Skulpturen von Georg Herold sind noch nicht vom Kölner Atelier des Bildhauers angeliefert, die Sockel für die überlebensgroßen Objekte aber gezimmert: 3,80 Meter lang, 45 Zentimeter hoch: "Man darf gespannt sein, was drauf kommt", mehr verrät Löbke nicht, die auch nicht genau weiß, was der Professor an der Düsseldorfer Akademie frisch für den Kunstverein geschaffen hat. "Was Klassisches", kokettiert der Gegenwartskünstler, als er im August vor Ort die Räume inspiziert. "Wie immer geheim: For members only." "Herold ist Vollprofi", verlässt sich Löbke kurz vor der Eröffnung auf ihr Zugpferd − und fährt einen Tag nach Berlin, um die nächste Ausstellung für Heilbronn an Land zu ziehen.

Nicht ganz so entspannt geht es im Deutschhof zu. Nach der Schlüsselübergabe für die Kunsthalle läuft in den Städtischen Museen der Countdown. In wenigen Tagen eröffnet der Hauptbetreiber der Kunsthalle Vogelmann die Ausstellung "Beuys für alle". Die Erwartungen sind hoch. "Seit einem Jahr raucht mir der Schädel wegen Beuys", sagt Marc Gundel ohne Umschweife. "Bei uns ist es mit dem Umzug nicht getan. Wir sind ein Museum, unsere Künstler sind in der Regel verstorben", versucht der Museumsdirektor zu erklären, warum der Druck, der auf den Städtischen Museen ruht, größer ist.

Etwa 300 Multiples von Joseph Beuys haben Gundel und die Kunsthistorikerin Rita E. Täuber in den letzten Wochen einzeln in die Hände genommen. Rund 300 in Serie hergestellte Arbeiten und Objekte, Grafiken, Buch- und Filmeditionen des Künstlers, der den Begriff des sozialen Kunstwerks geprägt hat.

Die Multiples, vom lateinischen multiplizieren, also vervielfältigen, sind als Dauerleihgabe der Stiftung Ernst-Franz-Vogelmann ein Glücksfall für die Städtischen Museen, Herausforderung und Verpflichtung. Und der Stein des Anstoßes, überhaupt eine erweiterte Kunsthalle zu wagen. Raus aus den beengten Verhältnissen im Deutschhof, rein in die großzügigen Räume an der Allee: Vor den Erfolg haben die Götter Schweiß gesetzt.

"Natürlich hat die Stiftung hohe Erwartungen, wir können aber nicht die gesamte Beuys-Sammlung zeigen", sagt Marc Gundel und springt vom Besprechungstisch erneut auf, um ein weiteres Telefonat anzunehmen. Alles mögliche muss die letzten Tage noch koordiniert werden. Die Sockel für die Objekte sind fertig, die Vitrinen werden noch geliefert, die Leihgaben von anderen Museen und Privatsammlern auch. "Dass wir das Kunstwerk "Porte bouteilles" von Marcel Duchamps bekommen, den "Flaschentrockner" aus der Staatsgalerie Stuttgart", freut Museumsfrau Täuber. "An Duchamps hat sich Beuys gerieben." Zu jeder Leihgabe werden Eingangsprotokolle erstellt über den exakten Zustand eines Werkes, aus versicherungstechnischen Gründen.

Auswahl treffen

Drei Jahre lagern die 300 Beuys-Multiples im Magazin im Deutschhof. Eingewickelt in Seidenpapier und in Kisten, verteilt auf 20 laufende Regalmeter. "Ausstellen oder nicht ausstellen", fragen sich Gundel und Täuber in den vergangenen Wochen und treffen eine Auswahl. "Es gibt kaum Publikationen zu dieser Auflagenkunst", umreißt Gundel das Katalog-Konzept und lässt die Druckfahnen durch die Finger gleiten. "Ich fühle mich leergeschrieben", bekennt der Museumschef, der sich mit diesem Projekt dem Künstler und Menschen Joseph Beuys nähern möchte.

Als Marc Gundel im Mai erfährt, dass Mitkuratorin Annette Ludwig als Direktorin ans Gutenberg-Museum nach Mainz wechselt, freut er sich für die Kollegin − steht aber plötzlich alleine da. Bis mit Rita E. Täuber aus Stuttgart eine unerschrockene Kunsthistorikerin engagiert wird. Täuber entwickelt ein erweitertes Ausstellungkonzept. Über Beuys hinaus wollen sie nun den Zugang zu Beuys vermitteln: Originale von Marcel Duchamps bis Nam June Paik, Christo und Man Ray schlagen den Bogen vom Objekt zum Multiple, vom seriellen Kunstwerk zur Kunst für alle. "Beuys" Druckgrafiken klammern wir erst einmal aus, die zeigen wir später", sagt Täuber.

Nachtschicht

An einem Modell der Kunsthalle aus Sperrholz im Maßstab 1:20 demonstriert Täuber, wie Ideen umgesetzt werden, die im Kopf entstanden sind. 80 Werke aus dem Beuys-Komplex werden im Kunstkonvoi vom Deutschhof quer durch die Fußgängerzone in die Allee begleitet, bevor es nochmal aufregend wird bis zur Pressekonferenz am Donnerstag. Hängen, stellen, rücken, verwerfen: "Ich stelle mich auf eine Nachtschicht ein." Dass die Beuys-Witwe den Katalog zur Ausstellung anstandslos durchgewinkt hat, weiß Täuber sehr zu schätzen. Zumal bekannt ist, dass Eva Beuys in Sachen Bildrechte nicht mit sich spaßen lässt. "Das ganze Unternehmen steht unter einem guten Stern. Uns ist vieles gelungen, was in der kurzen Zeit eigentlich nicht möglich ist." Rita E. Täuber ist gespannt, wie die Beuys-Präsentation der Städtischen Museen ankommt. Zumal der Titel "Beuys für alle" ganz im Sinne des Meisters vom Niederrhein ist.

Alles Fett von gestern? Was ist uns vom Schamanen geblieben, der 1986 starb und sein Leben lang die Idee der Demokratisierung der Kunst vorangetrieben hat? "Die Themen, die Beuys beschäftig haben, sind aktuell", sagt Marc Gundel: "Schutz der Natur, die Einbindung der Bürger in politische Entscheidungsprozesse."

Jetzt fehlt nur noch das Werbebanner, das magentarot an der Außenfassade für die Kunsthalle wirbt. Und die Besucher müssen strömen.

Kunsthalle Vogelmann

Am 2. Oktober wird an der Ecke Allee/Karlstraße die Kunsthalle Vogelmann eröffnet. Der Erweiterungsbau an der Harmonie vereint unter einem Dach die Städtischen Museen Heilbronn und den Kunstverein, der seit 1958 in der Kunsthalle in der Harmonie untergebracht ist . Mit einem dialogischen Ausstellungsprogramm wollen beide Institutionen Klassische Moderne und Gegenwartskunst zeigen. Die Baukosten betragen 5,63 Millionen Euro: 2,77 Millionen zahlt die Stadt Heilbronn, 1,75 Millionen das Land, eine Million Euro spendet die Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung, die sich das Namensrecht gesichert hat. Mit „Beuys für alle!“ und Skulpturen von Georg Herold startet die Kunsthalle.


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