Stadt steht hinter Quintana

Heilbronn - Alejandro Quintana, Schauspieldirektor am Stadttheater Heilbronn, hat nach Einsicht in seine beiden Stasi-Akten die Vorwürfe, er sei informeller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit der DDR gewesen, nachdrücklich zurückgewiesen. Die Zuschreibung des Status IM sei ohne sein Wissen und Wollen erfolgt. Die in der Akte niedergelegten Gespräche und Treffberichte seien in sich widersprüchlich und lügnerisch. Die Stadt Heilbronn und das Theater nahmen gestern Stellung zu Quintanas Erklärung.

Von Andreas Sommer
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Heilbronn - Aus Anstand, sagt Alejandro Quintana, habe er 1978 Gespräche mit offiziellen Vertretern der DDR geführt. Die Herren stellten sich als Mitarbeiter des Ministeriums des Inneren vor, deren Aufgabe es sei, die Sicherheit der chilenischen Emigranten in der DDR zu gewährleisten. Denn der chilenische Geheimdienst Dina war auch dort aktiv.

Das erschien dem Chilenen, der 1974 im Alter von 23 Jahren als politischer Flüchtling nach Rostock gekommen war, glaubhaft: „Es waren gespräche mit Vertretern des Landes, dem ich mir politisch-ideologisch verbunden fühlte und das mir sichere Existenz und eine Arbeit als Künstler ermöglichte.“

Doch mit zunehmender Dauer empfand Quintana eine „Unbehaglichkeit“: „Es war zunächst eine sachliche Atmosphäre, die aber etwas Bedrückendes hatte“, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung: „1980 habe ich die Gespräche von meiner Seite aus beendet.“ Die Zuschreibung des Status als informeller Mitarbeiter (IM), beteuert der 57-Jährige, „ist ohne mein Wissen und Wollen erfolgt. Die sogenannte Werbung fand so nicht statt. Die notierten Gespräche sind in sich widersprüchlich und lügnerisch.“

Quintanas Rechtsanwalt Rainer Eckert betont, dass sein Mandant „nie konspirativ tätig“ gewesen sei. Wer Quintanas Stasi-Akte liest, erhält den Eindruck, dass die Gespräche über seine persönliche, familiäre und berufliche Situation sowie die Lage der Exil-Chilenen unter geheimdienstlichen Aspekten ohne Belang waren. Um nicht zu sagen, banal: Es ging um Urlaubsgestaltung, den Besuch des FKK-Strands Warnemünde oder Selbstmorde innerhalb der chilenischen Kommune.

„Quintana hat niemanden bespitzelt oder unter Ausnutzung seiner Vertrauensstellung gegenüber seinen Landsleuten diesen vertrauliche oder persönliche Informationen entlockt. Das Ministeriunm für Staatssicherheit hat von meinem Mandanten nichts erfahren, was dieses nicht ohnehin schon wusste“, bekräftigt Rainer Eckert.

In der Akte ist immer wieder davon die Rede, dass Quintana von sich aus keine Namen nannte. Und die Einschätzungen von Personen sind in der Akte handschriftlich von den Stasi-Mitarbeitern verfasst. Sie haben, so Eckert, keine Entsprechung in den eigentlichen Treffberichten. Der Heilbronner Rechtsanwalt nennt ein prägnantes Beispiel, das den Wahrheitsgehalt der Aktenvermerke in Zweifel zieht. So heißt es an einer Stelle, dass die Stasi-Mitarbeiter mit Quintana telefonisch Kontakt aufgenommen haben sollen. Dieser verfügte in seiner Wohnung aber über kein Telefon: Ein für einen Exilanten unerreichbarer Luxus in der DDR der 70er.

Der Akte ist zu entnehmen, dass ab 28. April 1980 keine Kontakte mehr zwischen Stasi-Mitarbeitern und Quintana stattfanden. Dort wird eine „nicht befriedigende inoffizielle Arbeit“ und eine „fehlende Perspektive“ erwähnt und bedauert, dass es zu „keiner kontinuierlichen Zusammenarbeit“ gekommen sei.


Stellungnahme

Zu den Stasi-Vorwürfen gegen Alejandro Quintana nahmen am Montagabend Stadt und Theater Stellung:


„Nach Abwägen aller mir als Intendant des Theaters Heilbronn zur Verfügung stehenden Informationen gibt es für mich keinen Zweifel an der moralischen Integrität von Alejandro Quintana.

Offensichtlich hat das Ministerium für Staatssicherheit vor 30 Jahren versucht, Alejandro Quintana, der als politischer Flüchtling nach dem Militärputsch in Chile Asyl in der DDR gefunden hat, zur Zusammenarbeit zu gewinnen.

Diesem Versuch, von der Stasi als informeller Mitarbeiter (IM) benutzt zu werden, hat sich Alejandro Quintana aktiv entzogen. Dies verdient meinen Respekt. Mit Hochachtung habe ich erlebt, mit welcher Sensibilität und Souveränität die Stadt Heilbronn und das Publikum des Theaters mit diesem schwierigen Thema umgegangen sind. Ich freue mich ganz außerordentlich auf die weitere Zusammenarbeit mit Alejandro Quintana am Theater Heilbronn.“
 

Axel Vornam,
Intendant

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Die Stadt Heilbronn hat den Sachverhalt nach Prüfung aller uns vorliegenden Informationen, besonders auch in arbeitsrechtlicher Hinsicht, beurteilt.

Auch aufgrund der nun vorliegenden Erklärung von Herrn Quintana sehen wir keine Gründe, die gegen eine weiterhin gute Zusammenarbeit sprächen. In Würdigung aller Umstände gibt es aus unserer Sicht keine Veranlassung, die Persönlichkeit von Herrn Quintana anzuzweifeln. Wir sind von seiner hohen künstlerisch-fachlichen Qualifikation überzeugt; der hervorragende Start in die neue Spielzeit hat gezeigt, dass auch das Theaterpublikum diese Meinung teilt.“

 
Harry Mergel,
Kulturbürgermeister


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Kommentar: Stasi-Stigma
Von Andreas Sommer

Vor vier Wochen erschütterte die Nachricht die Theaterszene: „Schauspieldirektor Quintana unter Stasi-Verdacht.“ Pünktlich zum Spielzeitauftakt des neuen Teams am Berliner Platz. Nach der Lektüre der Akten, die in unterschiedlichen Versionen für die Medien und den Betroffenen vorliegen, bleibt festzustellen: viel Lärm um nichts.

Quintana hat zwar mit Offiziellen gesprochen, aber immer im Glauben, dass er das mit Gleichgesinnten zum Schutz der chilenischen Exilanten in der DDR tut. Wer will das dem jungen Mann 30 Jahre später verübeln, den die Stasi-Mitarbeiter in ihren Berichten als ruhenden Pol, als kritisch, geradlinig, offen, ruhig, hilfsbereit und ausgeglichen charakterisieren?

Nach der Aktenlage hat Quintana nie konspirativ gehandelt und nie die Namen von Landsleuten genannt, geschweige denn einen von ihnen in Gefahr gebracht. Vielmehr hat er schon bald ein Unbehagen gespürt und sich den Zugriffen der DDR-Offiziellen entzogen, was die Stasi-Mitarbeiter in der Akte enttäuscht als „keine kontinuierliche Zusammenarbeit“ und „fehlende Perspektive“ verbuchen. Eine bessere Entlastung für den gebürtigen Chilenen gibt es nicht.

Von seinem „IM“-Status wusste Quintana nichts. Aber wir wissen, dass das Fälschen von Berichten bei der Stasi gang und gäbe war, weil deren Mitarbeiter einen Leistungsnachweis brauchten und unter enormem Erfolgsdruck standen. Gegen das Stasi-Stigma kann sich Quintana im Nachhinein kaum wehren. Er verweist auf seine moralischen Prinzipien und seinen kritischen Geist, der sich nie etwas aufoktroyieren lasse. Und auf die vielen anständigen Menschen, die er in der DDR getroffen hat. Hoffentlich darf Quintana jetzt in Ruhe das tun, wozu er nach Heilbronn gekommen ist: gutes Theater machen.

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