Schräges Aschenputtel

Stuttgart - Rossinis "La Cenerentola" ist in der Regie von Andrea Moses ein Triumph für die Staatsoper

Von unserem Redakteur Uwe Grosser
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Zu Hause bei Familie Magnifico: Das schäbige Spießbürgerwohnzimmer wird zum Schauplatz turbulenter Verwicklungen, und die Aufsichtsräte sind als Beobachter live dabei.

Foto: Schaefer

Selten so viel gelacht in der Oper. Völlig aus dem Häuschen ist das Stuttgarter Publikum nach der Premiere von Gioachino Rossinis "La Cenerentola". Für alle Beteiligten gibt es Bravo-Rufe, auch für Regisseurin Andrea Moses, die mit ihrer Inszenierung auf einem schmalen Grat wandelt zwischen intelligenter Komödie und läppischem Schwank. Doch sie bleibt stets auf der sicheren Seite der geistreichen Unterhaltung.

Die Frage, was man aus der alten Aschenputtel-Geschichte noch für inszenatorische Funken schlagen kann, beantwortet Andrea Moses, indem sie allen Märchenstaub abschüttelt und sie ins Hier und Heute transportiert − und da passt sie auch prima hin: Der Juniorchef eines großen Unternehmens darf sein Erbe erst dann antreten, wenn er verheiratet ist. Über die Brautschau wachen grau gekleidete Aufsichtsräte, deren Aktivitäten im Lauf des Abends alkoholbedingt gehörig aus dem Ruder laufen − der Volkswagen-Skandal und italienische Bunga-Bunga-Partys lassen grüßen.

Viel Glanz Das alles hat höchsten Unterhaltungswert, zumal auch die musikalische Seite viel Glanz bietet. Unter der Leitung von Dirigent José Luis Gomez tönt es nicht nur wunderbar elegant aus dem Orchestergraben herauf, auch die Stimmen auf der Bühne bieten feine Belcanto-Kultur mit Verzierungen, dass es nur so vibriert in der Stimme.

Der Abend beginnt wie ein Stummfilm: Das Orchester spielt die Ouvertüre, auf der Bühne verhandeln die Aufsichtsräte, gespielt von Herren des Staatsopernchors, mit dem Erben Don Ramiro − allerdings ohne Ton. Auf einer Leinwand steht der Text dazu. Dass Andrea Moses die Partitur genau studiert hat, wird schon in dieser Spielerei deutlich, die perfekt abgestimmt ist auf die musikalische Dramaturgie in Rossinis Ouvertüre. Diese Harmonie von Inszenierung und Musik − im modernen Regietheater längst keine Selbstverständlichkeit mehr − setzt sich bis zum Schluss fort.

Davon profitiert das gesamte Ensemble, dem Andrea Moses schauspielerisch allerhand abverlangt. Bloßes Rumgestehe gibt es nicht, wer gerade nicht singt, macht etwas Anderes. Und so ist allerhand los auf der Bühne, wobei es der Regisseurin an humorvollen Einfällen nicht mangelt, ohne allerdings die Schraube zu überdrehen. Das ist Regietheater im besten Sinn.

Jubelstürme erntet Diana Haller als Aschenputtel. Sie überzeugt nicht nur sängerisch mit ihrer biegsamen Stimme, auch als Schauspielerin ist sie eine begnadete Komödiantin. Ein sehr zarter, lyrischer Tenor, der im Forte aber ein bisschen kraftvoller sein dürfte, ist Bogdan Mihai als Prinz Don Ramiro.

Den Vogel ab schießen aber Adam Palka als Alidoro, Erzieher des Prinzen, und vor allem Enzo Capuano als Don Magnifico, Vater der konkurrierenden Schwestern. Die beiden Herren singen nicht nur großartig, sondern sind beide von einer spielfreudigen Schlitzohrigkeit, wie man sie auf Opernbühnen nicht alle Tage erlebt. Viel Applaus gibt es zudem für Catriona Smith als Clorinda, Maria Theresa Ullrich als Tisbe und André Morsch als Diener. Und der Chor erhält donnernden Applaus.

In dieser Besetzung hat Andrea Moses" dreieinviertel Stunden dauernde "Cenerentola" das Zeug zum Publikumsliebling.

Nächste Vorstellungen

3., 9., 12., 17. und 22. Juli. Karten gibt es unter 0711 202090.


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