Platz 70 ist ein Grund zum Feiern

Warum die Top 100 so schwer umkämpft und so schwer erreichbar sind: Heavy-Metal-Label auf Abstatt platziert Tophit in den 100-Album-Charts

Von Andreas Sommer

Platz 70 ist ein Grund zum Feiern
Freude in Abstatt im Hause Massacre/Blue Rose Records über die Chartsplatzierungen: Torsten Hartmann (links) und Edgar Heckmann.

Foto: Andreas Veigel

CHARTS - Für Torsten Hartmann, Inhaber des Abstatter Heavy-Metal-Labels Massacre Records, ist es schon Routine, für Edgar Heckmann, Labelmanager der Tochter Blue Rose, war es das erste Mal: eine Platzierung in den deutschen Top 100-Album-Charts. „Sehr wichtig fürs Prestige“, freut sich Heckmann.

Als kürzlich das bei Blue Rose veröffentlichte Album „The Sermon On Exposition Boulevard“ von Rickie Lee Jones auf Platz 70 einstieg, bedeutete dies nicht nur den ersten Chart-Erfolg in der elfjährigen Geschichte von Blue Rose. Auch Rickie Lee Jones hatte es in ihrer 28-jährigen Karriere bisher nicht unter die Top 100 in Deutschland geschafft - nicht einmal mit ihrem Debütalbum und Millionenseller (1979).

Internet-Piraterie 1500 bundesweit verkaufte CDs in jener Woche reichten dem Jones-Album für Platz 70: Das zeigt schon, dass es der schnelllebigen Musikbranche nicht gerade blendend geht. Torsten Hartmann, Chef des zweitgrößten deutschen Heavy-Metal-Labels, konstatiert für die Tonträgerbranche seit 1999 einen Umsatzrückgang von über 50 Prozent. Der Grund: „Illegale Downloadforen. Das ist uferlos, ein Kampf gegen Windmühlen“.

Peter Zombik, Geschäftsführer der Deutschen Phonoverbände hat Zahlen: „Auch wenn die illegalen Musikdownloads wegen der konsequenten Bekämpfung der Internet-Piraterie von 412 Millionen im Jahr 2005 auf 384 Millionen im Vorjahr rückläufig ist, kommen auf einen legalen immer noch 14 illegale Downloads.“ Seit 1999 habe sich die Zahl der Fans, die CDs brennen, von 7,9 Millionen auf 31,4 Millionen vervierfacht. „Diese Leute machen langfristig die Musikbranche kaputt“, seufzt Heckmann.

Der Konzentrationsprozess auf dem Tonträgermarkt setzt den Fachhandel weiter unter Druck. Laut Branchenmagazin „Musikwoche“ bauten 2006 die Marktführer Media Markt (15,2 Prozent), Müller (11,2), Saturn (10,9), Amazon (8,8) und Karstadt (7,1) ihre Position aus, während der Fachhandel auf 1,6 Prozent Marktanteil schrumpfte.

In dieser Situation ist die verhaltene Freude der Abstatter über ihre Chartsplatzierungen verständlich. Hartmann feierte 1998 den ersten Chartseinstieg mit dem Album „Werk 80“ der Metal-Band Atrocity: Platz 33 bedeutete die bisher beste Platzierung von Massacre Records. „130 000 Stück haben wir von dem Album verkauft“, denkt Torsten Hartmann an bessere Zeiten zurück.

Freude über Platz 53 Die jüngste Chartsplatzierung für Massacre holten kürzlich die niederländischen Schwermetaller von Legion Of The Damned mit „Sons of the Jackall“. Platz 53 mit in der ersten Woche 3 500 verkauften CDs wertet Hartmann als „Riesenerfolg. Aber 130 000 werden wir nie davon verkaufen.“ Ermittelt werden die Chartsplatzierungen von der Firma Media Control, die täglich jeden Barcode-Verkauf einer CD registriert. „Die tägliche erscheinende Liste vermittelt Trends“, erklärt Edgar Heckmann. Der 50-Jährige hat mit Blue Rose die Nische Singer/Songwriter und Rootsrock besetzt und das Glück, dass seine meist ältere Klientel sich kaum illegal im Internet bedient. Sein Topseller ist derzeit „High and Mighty“ von Gov‘t Mule, das sich in Europa immerhin 17 000 Mal verkauft hat.

Von den 90er Jahren, in denen die Alben der norwegischen Band Theatre Of Tragedy bei Massacre 500 000 Mal abgesetzt wurden, kann Hartmann heute nur träumen. Bei Blue Rose führt Steve Wynn mit 55 000 verkauften CDs die Hitliste an. Nicht umsonst reichen heute schon 100 000 Verkäufe für eine Goldene Schallplatte (früher 250 000) und 200 000 für Platin (früher 500 000).

Wie gegensteuern? „Eine gute Verpackung ist der beste Kopierschutz“, sagt Heckmann. Aufwändige Cover und Booklets machen ein Album zum Kunstwerk, das Fans kaufen wollen. Auch gezielt terminierte Werbung in den Fan. und Fachmagazinen hilft.

Eine Woche nach dem Chartseinstieg war das Album von Rickie Lee Jones auf Platz 98 gerutscht und dann schon wieder draußen aus den Top 100. Die Schlagersängerin Andrea Berg lag beim Einstieg von Jones auf Platz 72. Bergs Best-of-Album ist seit 274 Wochen (!) in den Charts - verkauft sich also nach fünf Jahren noch ebenso gut wie das von Jones in der ersten Woche. Das spricht Bände.