Nach der Devise „scheide, meide, flieh!“

Bad Wimpfen - Konzentriert und versunken: Junge Hymnus-Männer beeindrucken in der Dominikanerkirche

Von Martin Betulius

Bad Wimpfen - Der Theologe Alkuin rügte den allzu emotionalen Altargesang mancher Priester, die sich, je nach Text, zu Boden warfen und wieder exaltiert empor schnellten. Gregorianische Tonrepetitionen praktizierte man also nicht immer abgeklärt, und Alkuins Warnung gemahnt an die Devise mancher Klosterpforten „scheide, meide, flieh!“

Doch den Männerstimmen der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, die unter Hanns-Friedrich Kunz - viele Jahre Lehrbeauftragter an den Musikhochschulen in Freiburg und Karlsruhe - in der Dominikanerkirche singen, hätte Alkuin ebenso zugestimmt wie jetzt die Hörer, die in der unbeheizten Kirche ausharren und eine Zugabe erklatschen. Der Abend beginnt mit „In nomine Jesu“ von Jacobus Gallus (1550-91) und Teilen einer Messe von Jakobus de Kerle (1531-91) sowie drei Gesängen aus Jeremias Klageliedern von Giovanni Pierluigi da Palestrina.

Erstaunlich, wie es Kunz heutzutage gelingt, junge Menschen dazu zu bringen, diesen klanglich gediegenen Gesangsstil so hochrangig zu vermitteln. Fast beneidet man jene Vergangenheit, die im Sinne der von Alkuin geforderten Reinheit noch keine stärkeren emotionalen Reize kannte.

Diese schwerelose Inbrunst entspricht dem Gesang junger Mönche. Beim Werk von Jakobus de Kerle meint man, die polyphone Gleichzeitigkeit langer und kurzer Notenwerte verschmelze zu einer Folge aufgelockerter Kadenz-Akkorde, die auch auf musikalisch weniger firme Hörer beruhigend wirken.

Weiter zurück führt ein Magnificat von John Dunstable (1380-1453). Nach dem gemäßigten „Benedicamus“ von Krzysztof Penderecki (geboren 1933) schließt der eindrucksvolle Abend zugunsten der Orgelrenovierung romantisch mit Anton Bruckner („Iam lucis orto“) und Felix Mendelssohn-Bartholdy („Nun ruhen alle Wälder“).


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