Geld macht geil

Heilbronn  Alejandro Quintanas pfiffige Inszenierung von Molières "Der Geizige" im Großen Haus des Stadttheaters.

Von Andreas Sommer

Der Geizige

Geiz ist geil: Man muss nicht den alten Slogan einer Elektronik-Fachmarktkette bemühen, um den Zusammenhang von Geld und Erotik zu erkennen. Unter dem Eindruck von Alejandro Quintanas ebenso erfrischender wie pfiffiger Inszenierung von Molières Komödie „Der Geizige“ wird klar: Geld macht geil. Die Premiere setzte am Sonntagabend einen furiosen Schlusspunkt unter die Spielzeit im Großen Haus, und das Publikum geizte wahrlich nicht mit Beifall.

In dem mit Pause zweistündigen, gestrafften Abend kommt der Plot der 1668 uraufgeführten Komödie Molières prima rüber, in dem sich die biblische Todsünde Geiz in frühkapitalistische Gewinnmaximierung wandelt. Quintana legt eine kluge, temporeiche und sehr kurzweilige Umsetzung des Stoffs vor, die von einer tollen Ensembleleistung getragen wird und auch in ihrer Ästhetik überzeugt. Cornelia Kraskes Kostüme in giftigen Farben und die abenteuerlichen Perücken kommen in Carsten Georges Lichtregie auf Stefan Brandtmayrs Bühne wunderbar zur Geltung.

Torheiten

Alejandro Quintana hat es sich verkniffen, die Geschichte in ein heutiges Börsen-Milieu zu verlegen. Er hat sie dort belassen, wo sie herkam und den Stoff im Sinn des Autors gefiltert: „Da es die Aufgabe der Komödie ist, die Menschen zu bessern, indem sie dieselben belustigt, so habe ich geglaubt, in meiner Lebensstellung nichts besseres tun zu können, als die Laster und Torheiten meines Jahrhunderts durch komische Spiegelbilder derselben aufzugreifen“, zitiert das Programm den großen französischen Komödienschreiber (1622-1673).

Er musste zu seiner Zeit die Komödie wählen, um Gesellschaftskritik anzubringen. Weil Quintana trotz aller Streichungen einen echten Molière zeigt und kein Stück nach Molière, und dass uns diese exakt getimte Überzeichnung, die schräge Künstlichkeit auch heute Spaß macht und zum Lachen bringt, ist das Verdienst seiner Inszenierung.

Aus einem extrem spielfreudigen Typenkabinett ragt Frank Lienert-Mondanelli als sturer Harpagon hervor, der ein erotisches Verhältnis zu seinem Geld pflegt und am Ende gar eins mit seiner geliebten Kassette werden will. In der Rolle seines Sohnes Cléanthe brilliert Ferdinand Seebacher als eleganter Schnösel und Nebenbuhler seines Vaters im giftgrünen Barock-Outfit, während Sebastian Weiss’ Valère durch höchst eigenwillige – und sehenswerte – Motorik auffällt. Auch die beiden Ensemblezugänge Anastasija Harrowna Bräuniger als die von Vater und Sohn umschwärmte, sittsam-gezierte und kulleräugige Mariane und Katharina Leonore Goebel als Harpagons lebensfrohe Tochter Elise wissen zu gefallen.

Der Geizige

Joachim Foerster als Cléanthes agiler Diener La Flèche, Katharina Voß als raffinierte Kupplerin Frosine, Stefan Eichberg als Harpagons Diener und köstlicher Prügelknabe Jacques sowie Johannes Bahr als Maitre Simon mit Sturmfrisur und Glamrock-Kostüm machen aus ihren Rollen Kabinettstückchen.

Eingespieltes Hundegebell, das Harpagon an seine im Garten vergrabene Kassette erinnert, wirkt wie eine Parodie auf die Kommunikationsformen in seinem Haus. Die einen sollen eben nicht kriegen, was der andere nicht hergeben will. Ob wir nach der Aufführung bessere Menschen sind? Gut amüsierte sind wir allemal.

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