Geistige Durchdringung statt vordergründige Bravour

Nanna Koch mit Werken für Violine solo im Schießhaus

Von Theophil Hammer

HEILBRONN - Mit einem intelligent zusammengestellten und vorzüglich dargebotenen Programm beeindruckte Nanna Koch, stellvertretende Konzertmeisterin beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, im Schießhaus. Obsession für Violine solo - eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Tod, so lautete das Thema dieser musikalischen Entdeckungsreise. Entlehnt war es vom ersten Satz der zweiten Ysaÿe-Sonate.

Das Stück aus dem Jahr 1924 bündelte auch die programmatischen Hauptstränge: Da war zunächst der Tod, musikalisch dargestellt durch das in allen vier Sätzen gegenwärtige Dies-irae-Motiv. Dann der Bezug auf J. S. Bach und seine Solo-Violinwerke, im Konzert vertreten durch die E-Dur-Partita, deren Preludio Ysaÿe im „Obsession“ betitelten ersten Satz zitiert. Schließlich der virtuose geigerische Anspruch, den Solowerke per se erfordern und der, nach der Pause, in der Bartók-Sonate von 1924 und der Erlkönig-Caprice von Heinrich Wilhelm Ernst (nach Schubert) gipfelte.

Nanna Koch erwies sich in allen vier Werken als überlegene Gestalterin, die mit der Musik der Stücke Ernst machte. Auf der Basis einer vorbildlichen Intonation, die auch bei vertracktem mehrstimmigem Satz funktionierte, und einer unanfechtbaren Technik, die nie zum Selbstzweck geriet, gelang es der Künstlerin, die geistige Substanz der Werke herauszuarbeiten. Dabei war ihr die Vielfalt der Klangfarben wichtiger als ein rasantes Tempo. So kamen die Fuge oder das Presto der gewaltigen Bartók-Sonate eher gemessen daher.

Nanna Kochs Spiel wirkte in jedem Augenblick konzentriert und kontrolliert. Auswendig und mit selbstbewusster, gelassener Souveränität bewältigte sie das Riesenpensum. Natürlich profitierte die Geigerin von der vorteilhaften Akustik im Schießhaus. Während bei Bach vor allem die Klarheit der Linienführung und die Echowirkungen bestachen, waren es bei Ysaÿe Klangreichtum und formale Geschlossenheit.

Bei Ernsts höllisch schwerem Opus, das Melodie, harmonisch-rhythmische Struktur und Basslinie der Schubert-Ballade auf vier Saiten zwängt, muss jeder Geiger gnadenlos Farbe bekennen. Nanna Koch verdeutlichte nuanciert die einzelnen Charaktere, ohne ihre technischen Möglichkeiten zu überschreiten. Heftiger Beifall.