Es war einmal ein Klassikparadies

Das Musikhaus Sproesser schließt und beginnt heute mit dem Ausverkauf

Von Uwe Grosser

Es war einmal ein Klassikparadies
Axel Sproesser in seinem kleinen Reich der klassischen Musik in der Kilianspassage, das es bald nicht mehr geben wird. Für einen Neuanfang anderswo sind ihm die Mieten in Heilbronn zu hoch.

Foto: Andreas Veigel

Resignation ist ein Wort, das Axel Sproesser nicht kennt. „Ich schaue jetzt nach vorn“, versichert er zwar, doch man spürt, dass auch ein bisschen Wehmut im Spiel ist. Schließlich geht eine seit 60 Jahren währende Ära zu Ende, wenn er demnächst seinen Laden zum letzten Mal abschließt. Das war’s dann. Nur noch wenige Wochen hat das Musikhaus Sproesser in der Kilianspassage geöffnet, „vielleicht bis Fasching“, sagt der Inhaber. Spätestens am 31. März muss er draußen sein, weil die Gebäude auf dem Klosterhofareal abgerissen werden. Heute beginnt der Ausverkauf.

Begonnen hat die Musikhausgeschichte 1946 im Keller der Hundsbergstraße 39. Axel Sproesser senior, seine Ehefrau Martha und Cousine Johanna Lude waren die Gründer, „aber“, so Axel Sproesser junior, „mein Vater war nie im Laden.“ Dafür hatte er gar keine Zeit, denn „er war der einzige Spezialist für Akkordeonreparaturen im Unterland.“ Auch Flöten, Saxofone und Klarinetten brachte er in seiner Werkstatt wieder in Form.

Der Laden, den die beiden Frauen unter ihren Fittichen hatten, lief ausgezeichnet, weshalb das Geschäft schon 1950 an die Allee umzog. Dort entwickelt sich das Musikhaus zum Zentrum für klassische Musik in Heilbronn mit Noten, Schallplatten, Instrumenten und Zubehör. „Ende der 60er Jahre gab es aber Krach mit dem Filmbühnenbesitzer, der die Miete drastisch erhöhen wollte“, erinnert sich Sproesser. Also kauften seine Eltern 1970 den Laden in der Kilianspassage: „Das war damals beste Lage.“

Andererseits: „Auf Laufkundschaft war man damals gar nicht angewiesen.“ Die ganzen Musiklehrer und ihre Schüler gingen bei Sproesser ein und aus. Dazu kam ein Bildungsbürgertum, das seine Schallplatten selbstverständlich bei Sproesser kaufte und an Weihnachten schon mal 1000 Mark liegen ließ für Geschenke.

Undenkbar war es in den 70er und 80er Jahren, dass Axel Sproesser, der 1975 nach dem Studium ins elterliche Geschäft eingetreten ist, eines Tages allein im 60 Quadratmeter großen Laden sitzen würde, und niemand kommt. „Damals standen wir zu Weihnachtszeit zu sechst im Laden.“ Bis Mitte der 90er Jahre war er außerdem mit diversen Klassikstars auf Tournee und verkaufte im Foyer Schallplatten. „Bei Anne Sophie Mutter haben mir die Leute in der Stuttgarte Liederhalle die Platten aus den Kartons gerissen“, erinnert er sich schmunzelnd. Heute liegen auch ihre CDs wie Blei im Regal. Das letzte ordentliche Geschäft hat er jetzt vor Weihnachten mit der Haydn-CD des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn gemacht. Über 200 Exemplare brachte er unter die Leute.

Der größte Flop, an den er sich erinnern kann, war Ende der 80er Jahre eine Autogrammstunde mit dem international gefeierten Flötenstar James Galway: „Kein Mensch ist gekommen. Trotzdem hat sich aus diesem Besuch eine tiefe Freundschaft entwickelt.“

Heute ist das Alleinsein Alltag für Axel Sproesser, der hofft, dass der Ausverkauf noch einigermaßen läuft: „Rabatte werden individuell verhandelt.“ Zu bieten hat er CDs, antiquarische Noten, Blockflöten und Saiten.

Geöffnet ist Dienstag bis Freitag von 9.45 Uhr bis 12.15 Uhr und von 14 bis 18.15 Uhr, Samstag von 9.45 Uhr bis 13.15 Uhr.