Ein grauer Würfel, der es in sich hat

Heilbronn - Wenn ab Samstag die Kunsthalle Vogelmann mit den Ausstellungen "Beuys für alle!" und "anders denkende Einrichtung" von Georg Herold für die Bevölkerung offensteht, beginnt für die bildende Kunst in Heilbronn eine neue Ära.

Von Andreas Sommer
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Heilbronn - Als Joseph Beuys 1945/46 auf einem Gefangenentransport im Heilbronner Hauptbahnhof ankam, hatte er eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einer Streife. Sie hatte ihn aus dem Schlaf gerüttelt und ihm zu allem Übel auch noch die Papiere abgenommen. Um sie wiederzubekommen, musste der unerschrockene Beuys in das Büro de Beamten eindringen. Dazu drehte er kurzerhand das Hauptkabel der Stromversorgung ab und setzte so den ganzen Bahnhof außer Strom. Eine Anekdote, die aus heutiger Sicht als Frühform eines künstlerischen Happenings durchgehen kann.

65 Jahre später kommen Joseph Beuys (1921-1986) und Heilbronn wieder zusammen: 80 Werke zeigt die neue Kunsthalle Vogelmann, Multiples, also in Serie hergestellte Objekte, Grafiken, Buch- und Filmeditionen, die Beuys" Idee von der Demokratisierung der Kunst Ausdruck verleihen.

Blickfang

Meilenstein, Gipfelpunkt in der Heilbronner Kulturlandschaft, Signal für das kulturelle Leben, neues Kulturquadrat, architektonischer Blickfang: An Superlativen von offizieller Seite war kein Mangel bei der gestrigen Pressekonferenz in der neuen Kunsthalle. Und wirklich: Bewegt man sich in dem anthrazitfarbenen Kubus, der von außen viel kleiner erscheint, beeindrucken Großzügigkeit und Raumqualität. Wenn ab Samstag die Halle mit den Ausstellungen "Beuys für alle!" und "anders denkende Einrichtung" von Georg Herold für die Bevölkerung offensteht, beginnt für die bildende Kunst in Heilbronn eine neue Ära. Nicht zuletzt, weil der Neubau von den Städtischen Museen und dem Kunstverein gemeinsam bespielt wird − eine bundesweit wohl einmalige Konstellation.

Ein grauer Würfel, der es in sich hat
Beuys" "Sonnenscheibe" (1973). Die Schau bietet Exponate der Heilbronner Sammlung und Werke von Vorläufern und Zeitgenossen.Fotos: Guido Sawatzki
"Ohne privates Mäzenatentum wäre ein Projekt wie die Kunsthalle nicht zu stemmen", würdigt Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach das Engagement der Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung, die den 5,6 Millionen Euro teuren Neubau mit einer Spende von einer Million Euro unterstützte.

Die Stiftung war es auch, die 2007 die 300 Multiples (in Serie angefertigte Auflagenobjekte) von Joseph Beuys ankaufte − eine Transaktion, die letztlich die Idee einer neuen Kunsthalle anschob.

"Mit dem Erwerb der Beuys-Sammlung und mit der Vergabe des mit 25 000 Euro dotierten Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur hat die Stiftung dafür gesorgt, den überfälligen Strukturwandel der Städtischen Museen einzuleiten", freut sich Stiftungsvorsitzende Ruth Reinwald, Lebensgefährtin des 2003 verstorbenen Unternehmers und Mäzens Ernst Franz Vogelmann. "Teure Kunst darf nicht versteckt werden, sie gehört in die Öffentlichkeit", war seine Überzeugung.

In den Augen von Kulturbürgermeister Harry Mergel, für Himmelsbach "Wegbereiter" der Kunsthalle, wird mit dem Neubau an der Allee "die letzte Lücke der kulturellen Infrastruktur Heilbronns geschlossen". Stolz spricht der Sozialdemokrat vom Kulturquadrat zwischen Harmonie, Berliner Platz (Stadttheater, Stadtbibliothek, Musikschule, Kleist-Archiv Sembdner, Ebene 3), Experimenta, Theaterschiff und Deutschhof, "dem kulturellen Herz der Stadt".

Soziale Plastik

Für den "Juniorpartner Kunstverein" erhofft sich dessen Vorsitzender Dirk Hoffmann "eine größere Sichtbarkeit" des 1879 gegründeten 500 Mitglieder starken Vereins. Er hat sich die Vermittlung zeitgenössischer Kunst auf die Fahnen geschrieben und kehrt nun wieder an seinen angestammten Platz in der Harmonie zurück.

Ein grauer Würfel, der es in sich hat
Konferenz vor Filzanzug: OB Himmelsbach, Harry Mergel, Dirk Hoffmann (v.l.).
Museumsleiter Marc Gundel ist sichtlich glücklich mit der Kunsthalle, die er in Anspielung auf das Kunsthaus am Bodensee "Klein-Bregenz" nennt. Beuys, der mit dem Begriff der sozialen Plastik nicht so sehr das Werk in den Vordergrund stellte, sondern den Denkprozess, den es auslöst, ging es um die "Verbreitung von Ideen", um Mitbestimmung und "Intuition", die er der blinden Fortschrittsgläubigkeit entgegenstellte. Natürlich handelte aber auch das Gründungsmitglied der Grünen nicht ganz uneigennützig: "Beuys hat die Multiples für die Ausbildung der Marke Beuys benutzt", erklärt Gundel. Im Sinn von Beuys sind die Exponate in der Kunsthalle nicht besonders geschützt. Kommentar "Beuys sei Dank"


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