Die eigenen Landsleute bespitzelt (26.09.08)

Alejandro Quintana war von 1978 bis 1982 Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit

Von Martin Ferber
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Insgesamt 141 Seiten stark ist die Stasi-Akte von Heilbronns Schauspieldirektor Alejandro Quintana.Foto: dpa

Berlin - Für die Männer von Erich Mielke war er genau der Richtige. Jung und unerfahren, weit weg von zu Hause, der DDR wegen des gewährten Asyls zur Dankbarkeit verpflichtet, dazu ein glühender Anhänger der kommunistischen Lehre und ein Feind des Imperialismus.

So kam es, wie es kommen musste: Am 10. und 30. Oktober 1977 erhielt der Schauspieler Alejandro Quintana in Rostock Besuch von zwei Mitarbeitern des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die den jungen Exilanten aus Chile, damals 27 Jahre alt, als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) anwarben.

Am 9. Februar 1978 schrieb der Leiter der Bezirksverwaltung Rostock des MfS, Oberstleutnant Henkel, an den Leiter der Hauptabteilung II (Spionageabwehr) im Ministerium für Staatssicherheit in Berlin und nannte den Schauspieler Quintana als einen von drei chilenischen Emigranten, „die als IM-Kandidaten aufgeklärt werden und in der Perspektive zur inoffiziellen Mitarbeit mit dem MfS geworben werden sollen.“ So geschah es schließlich auch. Nach den unserer Redaktion vorliegenden Akten der von Marianne Birthler geleiteten Stasi-Unterlagenbehörde erhielt der heutige Heilbronner Schauspieldirektor unter der Registernummer „Rostock / I / 527 / 78“ vom MfS zunächst den Decknamen „IM Lautaro“, benannt nach der Theatergruppe „Teatro Lautaro“, der Quintana mit chilenischen Landsleuten in Rostock angehörte, seit dem 29. Januar 1980 führte ihn das Mielke-Ministerium unter dem Decknamen „IM Juan“.

Seine Aufgabe: Er sollte alles über seine chilenischen Landsleute am Rostocker Theater berichten. Und das tat er zur Zufriedenheit seines Führungsoffiziers. „Er war bemüht, die gestellten Fragen ausführlich zu beantworten“, heißt es in einem Bericht vom 9. Mai 1978, im August 1978 lobte ihn der Führungsoffizier, weil er versucht habe, „selbständig für das MfS interessierende Sachverhalte offen darzulegen“.

Alejandro Contreras Quintana war im Mai 1973 als gerade einmal 22-Jähriger in die DDR geflohen, nachdem die Militärs unter General Augusto Pinochet den linken Präsidenten Salvador Allende gestützt hatten. Als Mitglied der kommunistischen Partei Chiles fand der junge Mann in der DDR Schutz vor den Verfolgungen durch das Militär, insgesamt rund 2000 Chilenen fanden in der DDR politisches Asyl.

Ausführlich berichtete er dem MfS über die Aktivitäten des Volkstheaters Rostock, und plauderte selbst intime Interna über seine Landsleute aus. In einem Treffbericht vom 15. November 1978 findet sich neben Belanglosem wie der Mitteilung, dass eine chilenische Familie nach Spanien umgezogen sei, auch der Hinweis, dass es bisher „zwei Selbstmorde und sechs Selbstmordversuche innerhalb der chilenischen politischen Emigration“ gegeben habe.

„Fehlverhalten“

Im August 1979 verriet „Juan“ der Stasi, dass ein Chilene mit einer Landsfrau zusammenlebe, obwohl diese nicht verheiratet seien. Über einen anderen Landsmann wusste „Juan“ zu berichten: „Im Gegensatz zu vielen anderen Chilenen führt der eine harmonische Ehe.“ Mit der Zeit ließ der Willen Quintanas zur Zusammenarbeit mit der Stasi nach. Immer wieder finden sich in den Akten Berichte seines Führungsoffiziers, dass er nicht zu vereinbarten Treffen erschienen sei, was der Schauspieler, auf dieses „Fehlverhalten“ angesprochen, mal mit „Arbeitsüberlastung“, mal mit einem Zahnarzttermin begründete. Sein Führungsoffizier war unzufrieden und wies ihn am 31. Oktober 1979 darauf hin, „dass nur durch die kontinuierliche Trefftätigkeit die Aufgabe des MfS und der KPCH erfüllt werden kann“.

„Eine Auskunft, wann er zu erreichen wäre, konnte nicht gegeben werden“, lautet der letzte Eintrag vom 11. Februar 1982. Im April 1982 beendete die Stasi wegen mangelnder Perspektive die Zusammenarbeit mit Quintana, die Akte „Juan“ landete im Archiv der Bezirksverwaltung Rostock.


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