Der Retter der deutschen Hochsprache traut sich zu den Schwaben

„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ - Bestsellerautor Bastian Sick startet seine Tournee in der Harmonie Heilbronn

Von Ulrike Maushake

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, diese Feststellung brachte Bastian Sick den Durchbruch. Unter eben diesem Titel veröffentlichte der „Spiegel Online“-Kolumnist 2004 sein erstes Buch - einen launigen und lehrreichen „Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache“, der sofort an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten schoss. Und während sein drittes Buch am Entstehen ist, tourt der wortwitzige Retter der deutschen Hochsprache durch das Land - mit der „großen Bastian-Sick-Schau“. Premiere ist am Freitag in Heilbronn. Stephanie Günzler hat sich vorab mit ihm unterhalten.

Herr Sick, heißt es jetzt eigentlich die oder das Nutella?

Bastian Sick: Nutella ist ein Markenname. In meinem Buch gebe ich die Erklärung, dass es deshalb darauf ankommt, welches Produkt man dahinter sieht. Wenn Sie die Haselnusscreme sehen, heißt es die Nutella. Meinen Sie das Glas, heißt es das. Es gibt auch Menschen, die sagen der Nutella.

Wirklich?

Sick: Das hat eine „Spiegel Online“-Umfrage ergeben. Man meint dann den Brotaufstrich.

Als Verfechter des Genitivs machen Sie als erstes Station in Heilbronn. Im Feindesgebiet sozusagen.

Sick: (lacht) Ich freue mich sehr auf Heilbronn, schließlich ist das meine Premiere, und ich bin gespannt auf die Stadt und das Publikum.

Der Heilbronner ärgert sich ja, wenn „dem Nachber sein Hund“ immer so laut bellt. Wie wollen Sie ihm das denn wirklich austreiben?

Sick: Also, ich will doch niemandem den Dativ austreiben. In meinen Kolumnen streichle ich sogar hin und wieder die Dialekte. Aber wir alle brauchen die Hochsprache, um uns zu verständigen. Im Zeitalter der Globalisierung unterwirft sich ohnehin alles einer dominierenden Kulturform, die Dialekte treten in den Hintergrund.

Finden Sie das, gerade weil Sie Sprache so begeistert, nicht schade?

Sick: Ich finde es immer schade, wenn etwas ausstirbt, ob das eine Pflanze ist, eine Wal-Art oder eben eine Sprache. Aber das ist der Lauf der Dinge. Trotzdem kann man versuchen, Altes zu pflegen. In Norddeutschland wird Friesisch an den Schulen wieder unterrichtet, Plattdeutsch an den Volkshochschulen. Früher war das umgekehrt, da lernten die Kinder Hochdeutsch in der Schule.

Grammatik-Unterricht leicht und lustig - bevor es Ihre „Zwiebelfisch“-Kolumnen auf „Spiegel Online“ und ihre Bücher gab, konnte man sich das nicht vorstellen. Wie machen Sie Deutschstunden bühnentauglich?

Sick: Das ist eben das ganz große Vergnügen. Für mich ist es sozusagen die Kür, das Ganze im Rahmen eines Bühnenprogramms vortragen zu dürfen. Auf die Weise habe ich die unmittelbarste Wirkung, indem ich direkt mit dem Publikum zusammentreffe.

Sie haben früher als Schlussredakteur und später als Kolumnist bei „Spiegel Online“ gearbeitet, also eher im Hintergrund gewirkt. Hat der Entertainer da schon in Ihnen geschlummert?

Sick: Ich bin ein sehr lebendiger Vorleser, wenn Sie so wollen, ein verhinderter Schauspieler oder Komödiant. Ich habe gewisse darstellerische Talente immer schon gehabt. Als Schüler habe ich viel Schauspiel gemacht, in Chören gesungen. Ich war immer ein Mensch, der gerne auf der Bühne stand. Bühne macht mir keine Angst. Es ist ein großes Glück, dass ich jetzt mein eigener Hauptdarsteller, Regisseur und Autor sein kann. Niemand redet mir rein und sagt, dass ich mich irgendwie verbiegen muss. Das ist das, wovon jeder Schauspieler träumt.

Wie sieht der Schreibtisch von Bastian Sick aus? Liegen überall Wörterbücher von den Gebrüdern Grimm und deren Nachfolgern herum?

Sick: Das kann man doch alles wunderbar online nutzen. Eine der größten Errungenschaften überhaupt ist das Grimmsche Wörterbuch online und - Wikipedia. Das ist für mich ein unverzichtbares Medium geworden, es ist göttlich. Da liegt überhaupt die Zukunft des enzyklopädischen Arbeitens. Wikipedia wird alles andere ablösen. Man muss nicht mehr blättern, verlinkte Wörter sind markiert, ein Klick, und man ist im entsprechenden Verweisartikel. Es gibt seitenweise Informationen zu kleinsten Details der Weltgeschichte, und das alles hochseriös.

Im November erscheint ihr dritter Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Woher nehmen Sie all die Begeisterung für die Regeln und Auswüchse der deutschen Sprache? Wann wird es langweilig?

Sick: Finden Sie, dass Sprache langweilig werden kann? Dann müssten Sie irgendwann aufhören zu sprechen. Allein die Anregungen und Fragen meiner Leser würden ausreichen, um 50 Bücher zu schreiben.

Bastian Sick ist am Freitag, 20. Oktober, 20 Uhr, in der Harmonie Heilbronn zu erleben. Karten gibt es im Vorverkauf bei der Heilbronner Stimme, der Tourist Info und beim Reisebüro Böhm.