Cupido im Gefühlschaos

"Figaro kurz vor de Hochzeit": Eine belanglose Uraufführung bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall

Von Claudia Ihlefeld
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Cupido im Gefühlschaos
An ihr hätte Mozart seine helle Freude gehabt: Rebecca Raffell singt und spielt Cupido. (Foto: Jürgen Weller)

Die Liebe geht immer eigene Wege. Leicht ist sie nie, auch nicht zu Mozarts Zeiten. Weshalb man sich mitunter gern in vermeintlich einfachere Affären flüchtet. Der bloße Beischlaf aber birgt Tücken, und gefährliche Liebschaften waren bereits ein Lieblingsthema der Rokokogesellschaft.

Mit „Le nozze di Figaro“ hat sich Wolfgang Amadeus Mozart nicht nur musikalisch einer Utopie genähert. In seiner Oper nach dem Roman „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“, in dem Beaumarchais am Vorabend der Französischen Revolution die Ständegesellschaft aufs Korn nimmt, schafft der geniale Salzburger einen revolutionären Kosmos, in dem die erstarrten Hierarchien neues Leben erfahren. Mozarts Musik setzt die Menschen den Unabwägbarkeiten jener Macht aus, die alles antreibt: dem Eros.

Die ewig reizvolle Geschichte hat den Leiter der Jungen Oper an der Staatsoper Stuttgart, Manfred Weiß, und den Komponisten und Posaunisten Mike Svoboda dazu verlockt, für die Freilichtspiele Schwäbisch Hall ihre Sicht der Dinge als „Figaro kurz vor der Hochzeit“ auf die Große Treppe zu bringen. Was wird gegeben? Ein Fernseh-Team arbeitet an der Verfilmung des Figaro-Stoffes, die Schauspieler können ihren Text nur lausig, sind zudem privat verbandelt, die Ebenen mischen sich. Kurzum: ein Stück zu einem fiktiven Film zu Mozarts Oper nach der Komödie von Beaumarchais. Was eine lockere Theater-auf-dem-Theater-Farce sein möchte, läuft in der Regie von Weiß, von dem auch der Text stammt, aus dem Ruder. Die „musikalische Boulevardkomödie“, so der Anspruch der Macher, ist weder Trash noch verhandelt sie dramaturgisch stringent die Beziehungsebenen und Brüche - und taugt nicht zur Boulevardkomödie.

Die Uraufführung am Freitag gerät zum belanglosen Verwirrspiel, bis kurz vor Schluss des zweieinviertelstündigen Kampfes mit einem aberwitzigen Plot ein Wolkenbruch verhindert, die Entdeckung des Abends nochmals zu hören und zu sehen: Rebecca Raffell in der Rolle des Cupido.

Rebecca Raffell, 24 Jahre jung, begleitet mit großer Stimme und wuchtig souveräner Bühnenpräsenz, mit rot blinkenden Flügeln und einem Stern als Brustwarze auf stilisierten Brüsten das Gefühlschaos vor St. Michael. Ihr Cupido moderiert, genießt begierig und lässt mit wohl dosierter ironischer Distanz erahnen, was „Figaro kurz vor der Hochzeit“ hätte werden können: ein Sommervergnügen mit subtilen Seitenhieben auf die Geilheit nicht nur der Männer und ein schrilles Jonglieren mit Wunschbildern und vorgegebenen Rollen, mit Klischees und Realitätsverlust.

Manfred Weiß hat zu viel in diese Geschichte gepackt, die sich unter der Last all der Subtexte nicht entwickelt. Rasch wird es unerheblich, wer mit wem in welcher Rolle wann und warum. Und die Musik von Mike Svoboda? Das Vexierspiel aus zwei Drittel Eigenkompositionen und einem Drittel Mozart-Arrangements aus verschiedenen Opern funktioniert nicht durchgehend. Doch gibt es Momente irritierend interessanter Dissonanzen und Harmonien. Vier Musiker treiben abwechselnd an Drehorgel, Piano, Percussion, E-Streichinstrumenten oder Melodica den Abend voran.

Letzlich ist diesem „Figaro“ nicht zu helfen. Weder frech noch mutig, mogelt sich das mühsam konstruierte Stück die Stufen vor St. Michael hoch und runter. Eine Kärrnerarbeit für das Ensemble, aus dem Andreas Sindermann als leicht durchschaubarer Schürzenjäger Graf herausragt, während René Marik als fahriger Figaro enttäuscht.


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