Am Horizont ist nichts gerade

Heilbronn - Zum einen ist der Horizont die Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. Zum anderen ist er das Thema, das Jan Dibbets seit über vier Jahrzehnten beschäftigt. "Eine ideale, gerade Linie", sagt der Niederländer.

Von Claudia Ihlefeld
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Heilbronn - Zum einen ist der Horizont die Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. Zum anderen ist er das Thema, das Jan Dibbets seit über vier Jahrzehnten beschäftigt. "Eine ideale, gerade Linie", sagt der Niederländer.

Dabei interessiert den Konzeptkünstler aus Amsterdam eigentlich das Gegenteil. "Am Horizont ist alles abstrakt und keine Linie gerade," ist ein vermeintlicher Widerspruch, der den mehrfachen Documenta-Teilnehmer und ehemaligen Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie reizt.

Mit der Ausstellung "Horizons" präsentiert der Kunstverein Heilbronn nun Arbeiten, die Jan Dibbets" Vorstellung der Möglichkeiten von Landschaftsfotografie auf beeindruckende Weise vorführen. Situationen von nachgerade kontemplativer Kraft und Ruhe, wie sie sich so in der Natur nie darstellen.

Jan Dibbets fügt in seinen 2007 entstandenen "Horizons" die Horizontlinie aus zwei Fotos zusammen: der Horizont einmal über dem Meer und einmal über dem Land, das heißt über einer grünen Wiese. Über beiden ruht blau der gleiche Himmel. In anderen Zusammensetzungen der Landschaftsfotografien kippt der Horizont mal aus der Ebene, bildet geometrische Figuren, oder werden Land und Meer zu einem unregelmäßigen Ganzen.

Während die Abstraktion eines anderen Niederländers, Piet Mondrian, aus der Natur heraus schwer nachvollziehbar ist, birgt Jan Dibbets" Umgang mit Realismus, Abstraktion und dem Medium der Fotografie eine ganz eigene Poesie.

Das Verhältnis Bild und Abbild ist eine der Grundspannungen der Kunst. Innerhalb der Fotografie gewinnt diese Spannung zwischen behaupteter Wirklichkeitstreue und der Komposition eines Bildes nochmals an Brisanz. Für Jan Dibbets ist Fotografie kein Dokument. Dibbets, der von der Malerei kommt und in den 60er Jahren nach neuen, anderen, abstrakten Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst suchte, hat in der "Ambivalenz der Fotografie" sein Metier gefunden.

Zeitlos menschenleer Was theorielastig klingt, kommt im Ergebnis leicht daher. "Was ich zu Hause denke und hier zeige, sind zwei verschiedene Sachen", sagt Dibbets. Menschen sind auf seinen Horizonten nie zu sehen. Dibbets dokumentiert nicht, er reduziert, abstrahiert und setzt neu zusammen. Seine zeitlose Fotografie kennt weder Menschen noch datierbare Gegenstände. "Sie sucht eine andere Aussage." Wo auf seinen Bildern aus den 70er Jahren nur grüne Wiesen waren, ist heute nahe Amsterdam eine 20 000-Einwohner-Stadt entstanden.

Es klingt paradox: Aber für Dibbets ist die fanatische Fotografie der Gegenwart, ihr Dokumentationszwang, im 19. Jahrhundert stehen geblieben. "Ein Missverständnis", sagt der Niederländer, der nicht müde wird, sich und seine fotografischen Konstruktionen zu befragen.

Kunstverein Heilbronn/Allee Kunsthalle Vogelmann

Heute, 20 Uhr. Bis 29. Mai.


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