Staatsanwältin nahm Beamten ins Visier

Mosbach/Neckarzimmern - Der Fall von Kindesmissbrauch in Neckarzimmern, bei dem das Landgericht Mosbach im November den Verwalter des Weinguts Burg Hornberg zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt hat, zieht weitere Kreise.

Von unserem Redakteur Wolfgang Müller

Staatsanwältin nahm Beamten ins Visier
Im Besitz von kinderpornografischem Material soll ein Beamter der Polizeidirektion Mosbach gewesen sein. So lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren ist eingestellt − wegen geringer Schuld. Der Polizist wehrt sich dagegen.Foto: privat

Mosbach/Neckarzimmern - Der Fall von Kindesmissbrauch in Neckarzimmern, bei dem das Landgericht Mosbach im November den Verwalter des Weinguts Burg Hornberg zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt hat, zieht weitere Kreise. Denn die Mosbacher Staatsanwaltschaft hat auch gegen einen Beamten der Polizeidirektion Mosbach ermittelt. Der Vorwurf: Besitz von Kinderpornografie. Im Visier: der Polizist, der die Beweise beschafft hatte, die zur Verhaftung des verurteilten Verwalters führten.

Das Verfahren hat Staatsanwältin Michaela Molnar Ende August eingestellt. Mit Zustimmung des Amtsgerichts, aber gegen den Willen des Beschuldigten. Denn ihre Begründung hieß nicht erwiesene Unschuld. Angewendet hatte sie vielmehr den Paragraphen 153 Strafgesetzbuch, wonach eine Schuld als gering anzusehen wäre und kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht. Für den Beschuldigten ein Schlag ins Gesicht: "Damit bin ich nicht einverstanden, weil ich so mit einer Schuld behaftet bin und es bei Besitz von Kinderpornographie keine geringe Schuld gibt." Anfechtbar ist der Beschluss nicht. Vielmehr läuft jetzt ein Disziplinarverfahren gegen den Polizisten.

Dienstlich

"Fest steht, dass der Polizist die Bilder nicht besessen hat, um sich zu erregen", sagt Molnar. Und: "Sein Ziel war es von Anfang an, Personen der Strafverfolgung zuzuführen. Ich billige aber nicht die Art und Weise", so die Staatsanwältin. Stein des Anstoßes ist eine DVD mit kinderpornografische Bildern. Die soll der Beamte nach Auffassung Molnars erst auf Druck der Ermittlungsbehörde herausgegeben haben. Sie also bis dahin privat besessen haben. Diesen Vorwurf bestreitet der Beschuldigte vehement. "Ich habe die DVD ausschließlich dienstlich und als Beweismittel verwendet."

Diese Version bestätigt ein weiterer Polizeibeamter. "Seine zwei Vorgesetzten waren über seine Ermittlungen informiert. Und sie haben im Verfahren entsprechende Stellungnahmen geschrieben", sagt ein Kollege des Beschuldigten. Und nicht nur einige Mosbacher Polizisten verstehen die Welt nicht mehr. Auch Daniela von Gemmingen fällt aus allen Wolken. Sie hatte den Verwalter des Weinguts Burg Hornberg, der seit rund 30 Jahren eng mit ihrem Ehemann Baron Dajo von Gemmingen befreundet ist, im April angezeigt. Weil sie hinsichtlich seiner pädophilen Neigungen einen Verdacht hegte und selbst zwei Kinder hat, mit denen der Verurteilte regelmäßig Kontakt hatte.

Der Leidensdruck und die Angst vor dem Verwalter, der zuletzt wie sie selbst auf der Burg wohnte, seien immens gewesen, betont die Baronin. Ohne die Unterstützung des Polizisten, mit dem sie eng befreundet ist, "hätte ich diesen Weg nicht gehen können", sagt sie. Er habe schließlich die fragliche DVD besorgt. Und er habe zwei Opfer des Verurteilten aufgespürt, von denen eines zur Aussage bereit war.

Ohne die Ermittlungen des 54-Jährigen wäre der Verwalter, der sich auch als Graf ausgab, nie verhaftet worden. Davon ist Bernd E. überzeugt. Von E., der bis 2008 auf Burg Hornberg als Mitgeschäftsführer arbeitete, stammt die fragliche DVD, auf die er nach eigenen Angaben die Festplatte eines Geschäftscomputers des Weingutes kopiert hatte. "Auch ich hatte einen Verdacht, dass mit dem Verwalter etwas nicht stimmt." Bei der Durchsicht der Daten sei er auf Bilddateien gestoßen. "Ich habe mich nicht getraut, sie anzuschauen", sagt E.

Hinterlegt

Vielmehr habe er sie verpackt und bei einem pensionierten Polizisten im Saarland hinterlegt. Der Baronin habe er gesagt, dass sie die DVD haben könne, sollte sie sie eines Tage brauchen. Anfang vergangenen Jahres war es für Daniela von Gemmingen so weit. Sie informierte den Polizisten, der sofort mit E. Verbindung aufnahm. "Ich habe ihm damals gesagt, dass er die DVD ausschließlich unter der Bedingung erhält, dass er mich und die anderen Beteiligten so lange aus dem Verfahren heraushält, bis es bewiesen ist, dass mein Verdacht stimmt", sagt E.

Der Baronin hat der Polizist in seinem Büro dann die Ausdrucke der Bilder für die Strafanzeige vorgelegt. Weil die DVD selbst über das Kopierdatum Rückschlüsse auf den Kopierer zugelassen hätte, erklärt Daniela von Gemmingen. Danach habe er ihr bei der Formulierung der Anzeige geholfen und diese mit den Bildern sowie Namen und Wohnort der Opfer bei der Staatsanwaltschaft abgegeben, sagt die Baronin. Die Beweise rechtfertigten Hausdurchsuchung und Verhaftung des Verwalters. Am nächsten Tag wollte der Polizist die DVD zusammen mit seinem Bericht der Ermittlungsgruppe übergeben − der Deal mit Bernd E. war erfüllt. Für die Staatsanwältin offenbar zu spät.

Prozess gegen Verwalter

Wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in drei Fällen sowie wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften und unerlaubten Waffenbesitzes hat das Landgericht Mosbach im November den 51-jährigen Verwalter des Weingutes Burg Hornberg zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Verhaftet wurde der Mann, der sich auch als Graf ausgab, im Mai. Erst am Tag der Hauptverhandlung legte der der Beschuldigte über seine Anwältin ein Geständnis ab. wom