Ehemalige Heimkinder beschreiben massive Gewalt in Lichtenstern

Löwenstein - Diskussion im Internet beleuchtet Zeit nach 1945 − Heutige Stiftungsleiterin bestürzt über berichtete Taten − Historikerin soll die Zeit aufarbeiten

Von Carsten Friese

Ehemalige Heimkinder beschreiben massive Gewalt in Lichtenstern
Die Anlage der Stiftung Lichtenstern in den 50er Jahren.Foto: Stiftung Lichtenstern

Löwenstein - Ehemalige Zöglinge eines Kinderheims der Evangelischen Stiftung Lichtenstern drängen öffentlich auf eine Aufarbeitung einer für sie gewaltbestimmten Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Internetplattform Wikipedia bezeichnet der bei Bremen lebende Uwe F. (70) die Zeit in dem Kinderheim als "der blanke Horror".

Im Gespräch mit der Stimme berichtet der Rentner, wie er im Alter von acht bis 13 Jahren in dem Heim Tritte und Schläge mit Stock und Lederpeitsche erlebte. Kinder hätten auf kalten Weizenspreusäcken schlafen müssen. Zur Strafe für Bettnässen habe ein Erzieher Kinder "an den Ohren hochgezogen, um sie dann fallen zu lassen". Dass die Zeit des Kinderheims in der öffentlichen Chronik nicht oder nur mit einem kurzen Satz erwähnt ist, will der 70-Jährige nicht akzeptieren.

Auch Karl-Heinz H. (62) war rund fünf Jahre in dem Kinderheim, bis 1961. Auch er erlebte Schläge und Gewalt, wie er sagt, vor allem in der Schule. Der Mann, der heute bei Stuttgart lebt und nur schwer über seine Kindheit sprechen kann, offenbarte seiner Tochter: Als er zehn oder elf war, wurde er von einem etwa 18-jährigen Mitbewohner in Lichtenstern missbraucht. "Mein Vater ist durch seine Erlebnisse in mehreren Heimen schwer depressiv. Erst jetzt ist er in der Lage, teilweise darüber zu reden", schreibt seine Tochter auf Wikipedia.

"Wir waren total bestürzt", reagiert Lichtenstern-Leiterin Sybille Leiß (41) auf die Schilderungen. Inzwischen hat die Stiftung mit beiden Familien Kontakt und sofort Gespräche angeboten. Akten gibt es noch aus dieser Zeit.

Keine Zweifel

"Unentschuldbar" nennt die Stiftungsleiterin ein derartiges Verhalten, das in der Vorgängereinrichtung passiert sei. Bis 1963 gab es das Kinderheim, das dann komplett aufgelöst wurde. Danach wurde eine Einrichtung für Behinderte in Lichtenstern aufgebaut. Es habe damals einen kompletten Personalwechsel gegeben, sagt Pfarrerin Leiß. Ob der letzte Heimleiter noch lebt? Sie weiß es nicht.

Die Stiftungsleiterin zweifelt nicht an den Angaben der Betroffenen. Man werde sich diesem Teil der Geschichte stellen und die Zeit aufarbeiten. Eine Historikerin, die mit Blick auf das 175-jährige Bestehen der Stiftung im Jahr 2011 engagiert wurde, soll sich auch intensiv um die Epoche des Kinderheims kümmern. Leiß: "Wir wollen versuchen, diesen Erfahrungen eine würdevolle Form zu geben" − beispielsweise mit einer Gedenktafel. Zudem sollen die Chroniken überarbeitet werden.

Lichtenstern-Sprecherin Ulrike Richter (37) hat bei Führungen auch Aussagen über positive Erinnerungen von früheren Lichtenstern-Kindern erlebt. "Es muss beides gegeben haben." Für Gespräche sei man jederzeit offen, um ein genaues Bild über die Zeit zu erhalten.

Kontakt zur Stiftung Lichtenstern: Telefon 07130/100, E-Mail info@lichtenstern.de