Verleger mit Weitsicht und Fingerspitzengefühl

42 Jahre an der Spitze der Heilbronner Stimme: Zum Tod von Frank Distelbarth

Von unserem Redakteur Uwe Ralf Heer

Verleger mit Weitsicht und Fingerspitzengefühl
Bis zuletzt interessiert an Innovationen: Frank Distelbarth im Stimme-Office, dem Herzstück der Zeitungsproduktion an der Heilbronner Allee.Fotos: Archiv/Veigel, Dirks, Privat, HSt-Archiv

Heilbronn/Löwenstein - Seine Stimme wird uns fehlen. Frank Distelbarth hat das Medienunternehmen Heilbronner Stimme über vier Jahrzehnte hinweg geprägt. Ein Unternehmer, der sich nie ins Scheinwerferlicht drängte, sondern als stiller Macher die Fäden in den Händen hielt. In der Nacht auf Freitag ist der Verleger aus Leidenschaft nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 84 Jahren gestorben.

42 Jahre lang saß er in der Schaltzentrale an der Heilbronner Allee. Er hat sich trotz der Machtfülle eines Verlegers nie korrumpieren lassen. Ein Mensch, den klare Prinzipien und Bodenhaftung auszeichneten. Sich selbst zurücknehmen, pflichtbewusst seine Aufgabe erfüllen − das war Frank Distelbarth. Mit diesem Kurs machte er die Heilbronner Stimme zu einer angesehenen, erfolgreichen Regionalzeitung und den Verlag zu einem führenden Medienunternehmen im Südwesten.

Als Paul H. Distelbarth gemeinsam mit Hermann Schwerdtfeger von der US-Militärregierung am 28. März 1946 die Lizenz für die Heilbronner Stimme erhielt, war es für Frank Distelbarth längst nicht klar, dass er einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Er war zu jener Zeit Landwirtschaftslehrling und nur am Wochenende zu Hause auf dem Rittelhof in Löwenstein. Alles änderte sich, als der für die Nachfolge von Paul H. Distelbarth vorgesehene Bruder von Frank Distelbarth nicht mehr aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte. Hagen Distelbarth war zu Beginn des Russlandfeldzuges nach dem Abschuss seines Kampfflugzeugs als vermisst gemeldet worden. Erst nach Kriegsende erhielt die Familie die Nachricht über seinen Tod.

Frank Distelbarth musste übernehmen. Der vielseitig und praktisch begabte junge Mann hätte sich auch eine andere Berufslaufbahn vorstellen können. Als Ingenieur, Architekt oder als Landwirt.

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Aktiv als Landwirt und Wengerter − hier mit Enkel Arne auf dem Rittelhof.
Familienmensch

Zeit seines Lebens schöpfte er als Familienmensch in Löwenstein Kraft für seine Aufgaben. Hier lebte er glücklich mit seiner Frau Beatrice, die kurz nach seinem Eintritt in den Ruhestand starb. Im Mittelpunkt seines Lebens stand immer die Familie mit den Kindern Liane, Annette, Tilmann und Katja sowie den neun Enkelkindern. Im September dieses Jahres konnte er sich noch einen großen Wunsch erfüllen und seinen Enkeln in einer von ihm organisierten Reise sein geliebtes Frankreich der Kathedralen, Schlösser und der Kunst zeigen.

Sein Berufsleben war geprägt von Disziplin. Von 1950 bis Herbst 1952 arbeitete Frank Distelbarth zwei Jahre lang als Praktikant bei der Stimme. Durch alle Abteilungen des Hauses wurde er geschleust, wie er selbst seine ersten Schritte augenzwinkernd beschrieb. Das ging so weit, dass er sogar an der Setzmaschine arbeitete. Nach diesem Praktikum hospitierte der Löwensteiner ein Jahr bei den Nürnberger Nachrichten, anschließend ging er für ein halbes Jahr nach Paris in die Redaktion der Zeitung Le Monde. Die Liebe zu Frankreich war ihm Herzenssache. Das Werk der Aussöhnung mit Frankreich, für die sich sein Vater so sehr engagiert hatte, setzte Frank Distelbarth fort.

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Baumeister: Grundsteinlegung für das Druckzentrum in der Austraße (1994).
1954 ging es dann aber endgültig zur Stimme. Paul H. Distelbarth wollte sich mit 75 Jahren zur Ruhe setzen und Frank Distelbarth begann als Assistent bei Verlagsleiter Alex Wittke. Schon 1955 wurde er schließlich Geschäftsführer.

Eine Zeitung müsse lebendig sein, mahnte der neue Verleger immer wieder. Die Geschichte der Presse bezeichnete er als faszinierendes Stück Kulturgeschichte. Von Anfang an war ihm klar, welch wichtige Aufgabe die Presse nach dem Zweiten Weltkrieg zu erfüllen hatte. Die Heilbronner Stimme und ab 1947 die Hohenloher Zeitung brachten der Bevölkerung nach Jahren der NS-Diktatur den Begriff Demokratie nahe. Mitdiskutieren, mitreden. Er forcierte die Kultur des Leser-Dialogs − unter anderem mit Leserbriefspalten.

Frank Distelbarth war dabei stets ein Vordenker, der technische Innovationen förderte. Bereits 1954 schaffte sich die Heilbronner Stimme eine 32-Seiten-Rotation an. In die Zukunft investieren lautete sein Credo. So baute die Heilbronner Stimme 1957 an der Allee 2 das Verlagshochhaus, das noch heute Verlags- und Redaktionssitz ist. Der Hochhausbau sagt viel über den klugen Verhandlungsstil von Frank Distelbarth aus. Mitherausgeber Hermann Schwerdtfeger war strikt gegen die Hochhauspläne. Das koste nur Geld und nachher würden die Räume leer stehen, mutmaßte dieser. Doch die Stadt Heilbronn drängte auf den Bau, es war jene Zeit, in der als städtische Landmarken Hochhäuser gefordert wurden.

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Staffelübergabe im Jahr 1998: Frank Distelbarth und Tilmann Distelbarth.
Als Kuhhandel mit Hermann Schwerdtfeger bezeichnete Frank Distelbarth die Verhandlungen − am Ende wurden es zwar keine zwölf, aber immerhin acht Stockwerke. Frank Distelbarth war maßgeblich für den Bau verantwortlich − vor fast 55 Jahren, am 1. November 1957, wurde der Neubau eingeweiht.

Der Verleger erkannte früh, dass für die Weiterentwicklung eines Unternehmens die Führungsmannschaft breit aufgestellt sein muss. Nach dem allzu frühen Tod von Verlagsleiter Wittke, der sich quasi um fast alles selbst gekümmert hatte und 1964 mit 42 Jahren starb, beförderte Frank Distelbarth den stellvertretenden Anzeigenleiter Gerhard Timmermann, machte ihn zu seinem Assistenten und später zum Verlagsleiter. So baute er sein Team Schritt für Schritt auf. Friedrich Stephan als technischer Leiter, Peter Brückner als Vertriebsleiter, Hans Müller als Chef der Finanzen. Das waren die Stützen von Frank Distelbarth − sein Team.

Teamplayer

Zu seinem Selbstverständnis gehörte aber auch, dass die redaktionelle Eigenständigkeit erhalten bleibt. Frank Distelbarth war kein Verleger, der sich in redaktionelle Belange einmischte. Ihm ging es um journalistische Unabhängigkeit. Den Stimme-Chefredakteuren Hermann Schwerdtfeger (1946-1971), Karl Hohmann (1971-1981), Werner Thunert (1981-1989), Dr. Werner Distelbarth (1989-1994) sowie Dr. Wolfgang Bok (1994-2006) räumte er einen großen Gestaltungsspielraum ein, den diese zur positiven Entwicklung der Tageszeitung nutzten. Die Zeitung solle informieren und die Interessen der Leser vertreten − mit Kontroll- und Wächterfunktion gegenüber den sogenannten Mächtigen, betonte Frank Distelbarth. Dies galt auch für die Eppinger Zeitung, die heutige Kraichgau Stimme, die am 31. Dezember 1971 vom Medienunternehmen Heilbronner Stimme übernommen wurde.

Frank Distelbarth hinterfragte stets alle Vorgänge. Man musste ihn überzeugen. Er ließ sich für Entscheidungen Zeit und agierte in bester schwäbischer Verlegermanier mit Bedacht. Aber dann wurden die Projekte auch zügig umgesetzt. Zum Beispiel 1970 die Einweihung des Druckhauses am Synagogenweg, damals mit der schnellsten Rotation in Europa. Wie er sich in der Drucktechnik auskannte, beeindruckte. So war die Heilbronner Stimme im Jahr 1975 mit der Einführung des Fotosatzes Vorreiter. Frank Distelbarth erkundete eigens in den USA, wie dort der Foto- statt des Bleisatzes eingesetzt wurde.

Verleger mit Weitsicht und Fingerspitzengefühl
Teilnehmer beim Redaktionsbesuch von Willy Brandt im Jahr 1976. Frank Distelbarth war politisch interessiert, ließ der Redaktion aber immer den nötigen Freiraum.
Vermächtnis

"Es kamen aus Deutschland und aus der Schweiz busweise Kollegen, die haben geguckt und gestaunt, wie wir das machen", erzählte Frank Distelbarth erst vor wenigen Wochen in einem vierstündigen Gespräch über die Entwicklung der Heilbronner Stimme. Akribisch vorbereitet wie immer zog er Bilanz seines Schaffens. Ein Vermächtnis, das wichtige Fingerzeige für die Zukunft gibt. Zu einer munteren Zeitung gehört Aufgeschlossenheit gegenüber modernen Techniken, sagte der Verleger.

Innovationen

Neues versuchen − das blieb Distelbarths Credo. Auch 1985 mit einem Fernsehversuch bei der Landesgartenschau in Heilbronn und 1987 mit der Gründung von Radio Regional, dem heutigen Radio Ton. Außerdem führte er schon 1996 die Internetabteilung stimme.de ein. Sein Hauptaugenmerk legte Frank Distelbarth aber stets auf seine Zeitung. Wovon heute jeder spricht, nämlich der Entwicklung hin zu einer magazinigeren Themenzeitung, war für ihn schon zu Beginn der 90er Jahre eine Vision. Es gab erste farbige Grafiken in der Zeitung, man stellte um auf den sogenannten Ganzseitenumbruch.

Verleger mit Weitsicht und Fingerspitzengefühl
Im April 2012 mit Verlegerkollegin Christine Bechtle-Kobarg (Esslingen).
Seine letzte große berufliche Herausforderung war schließlich 1995 der Bau des neuen Druckzentrums im Heilbronner Industriegebiet. Gemeinsam mit Günther Gebhardt, Nachfolger des technischen Leiters, suchte Distelbarth nach einer neuen Rotationsmaschine. Wieder ging er mit seinem Führungsteam auf Wanderschaft, wie er es gerne bezeichnete. Frankreich, England, Schottland − man informierte sich über neue Rotationsmöglichkeiten. Am 29. September 1995 wurde schließlich der Neubau vom damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel eingeweiht.

So sorgfältig wie der Verleger seinen Alltag managte, so gewissenhaft ging er seine Nachfolgefrage an. Es zeichnete ihn aus, dass er loslassen konnte − und wollte. "Jetzt bin ich ein freier Mensch. Endlich bin ich ein freier Mensch", sagte er zum Abschied, als er 1998 nach 42 Jahren auf dem Chefsessel die Verantwortung an seinen Sohn Tilmann Distelbarth übergab, der den Verlag seither gemeinsam mit Bernd Herzberger als Geschäftsführer leitet.

Auch als Beirat blieb der kulturell interessierte Alt-Verleger an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. So übernahm seine Familie vor zehn Jahren den 50-Prozent-Anteil am Verlag von der Familie Schwerdtfeger und ist seither alleinige Eigentümerin. Finanziell ging das nur, weil er sich eine "Kriegskasse" angelegt habe, erzählte er schmunzelnd. Ein schwäbisch sparsamer Mensch, Luxus war für ihn ein Fremdwort. So wurde das finanzielle Fundament geschaffen.

Frank Distelbarth weiß, dass sein Lebenswerk in guten Händen ist. Seine Stimme wird nicht nur uns in der Stimme fehlen.