Urteil beendet Alptraum der Tochter

Region Heilbronn - Es waren viele Tränen, die am Dienstag im Saal 148 des Heilbronner Amtsgerichts flossen. Tränen des Abschieds. Denn mit dem Urteil des Schöffengerichts ist der Bruch einer Jugendlichen mit ihrer Familie endgültig vollzogen.

Von Helmut Buchholz
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Eine 35-jährige Mutter hat ihre Tochter im Mai 2008 bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen (Szene gestellt). Auch die Tante des Opfers schlug zu.Foto: Colourbox

Region Heilbronn - Es waren viele Tränen, die gestern im Saal 148 des Heilbronner Amtsgerichts flossen. Tränen des Abschieds. Denn mit dem Urteil des Schöffengerichts ist der Bruch einer Jugendlichen mit ihrer Familie endgültig vollzogen. Darüber ist das weinende Mädchen froh. Denn sie hatte vor zwei Jahren ihre Mutter (35) und Tante (31) angezeigt, weil diese sie brutal zusammengeschlagen hatten. Der Grund: Sie glaubten, die damals 16-Jährige hatte nach einer Nacht, die sie mit ihrem Freund verbracht hatte, ihre Jungfräulichkeit verloren.

Martyrium

Was war geschehen? Die Mutter, eine Türkin, stellte im Mai 2008 zunächst den Freund ihrer Tochter in Gundelsheim-Tiefenbach auf offener Straße zur Rede und drohte ihm Prügel an, falls er nicht den Kontakt zu dem Mädchen abbreche. Noch am Abend desselben Tages begann das zweitägige Martyrium der Tochter. Zuerst musste sich die Tochter ausziehen, damit die Mutter prüfen konnte, ob sie noch Jungfrau sei. Da die 35-Jährige glaubte, Spuren von Geschlechtsverkehr zu entdecken, beschimpfte sie die 16-Jährige als Hure und Schlampe, zog sie an den Haaren zu Boden, versetzte ihr Ohrfeigen und Faustschläge.

Am nächsten Morgen tauchte die Mutter mit der Tochter im Klinikum am Plattenwald in Bad Friedrichshall auf. Zur Verstärkung hatte sie ihre 31-jährige Schwester dabei. Sie wollten von den Ärzten prüfen lassen, ob das Mädchen tatsächlich ihre Unschuld verloren hatte. Und täuschten das Klinikpersonal mit der Geschichte, dass Mädchen sei möglicherweise vergewaltigt worden. Am nächsten Tag traktierten Mutter und Tante die 16-Jährige mit weiteren Schlägen, Fausthieben und einem Stock. So sehr, dass sie in Ohnmacht fiel.

Verlobt

Die Tochter hat das Elternhaus verlassen und ist heute mit ihrem damaligen Freund verlobt. Der Leidensweg der Jugendlichen verlängerte sich noch um zwei Jahre: Mutter und Tochter gaben in einem ersten Prozess Ende 2009 nur ein paar Ohrfeigen zu − und bestritten die Misshandlungen. Erst gestern im zweiten Verfahren, nachdem Richter Thomas Abt den Frauen vor Augen führte, dass das Schöffengericht eine Strafe von bis zu vier Jahren verhängen kann, ließen sie durch ihre Verteidigerinnen erklären: Die Misshandlungen haben sich so zugetragen, wie sie in der Anklageschrift beschrieben sind.

Das Gericht verurteilte die Mutter zu zwei Jahren, die Tante zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis. Es setzte die Strafen zur Bewährung aus. Sie müssen außerdem jeweils 1000 Euro Schmerzensgeld an ihre Verwandte zahlen. Beide waren nicht vorbestraft. Beide haben zusammen noch weitere fünf minderjährige Kinder.

Hintergrund: Sicht der Nebenklage

„Für meine Mandantin geht ein Alptraum zu Ende“, sagte die Rechtsanwältin des Opfers, Anja Gockenbach. Sie vertrat die Tochter als Nebenklägerin. Der Vater der Tochter und ihr Onkel hätten keine Rolle bei den Misshandlungen gespielt. Sie seien nur von den Frauen ausgegangen.

Und welche Rolle spielte die Religion der Frauen muslimischen Glaubens in der wohl extrem wertkonservativen Familie? Rechtsanwältin Anja Gockenbach: „Eine untergeordnete.“ mut