Rätselraten am Heilbronner Kiliansturm geht weiter

Heilbronn - Auch die intensive Inspektion der an drei Stellen abgebrochenen Kreuzblume am Heilbronner Kiliansturm hat das Rätsel um den Steinschlag vom 10. April nicht gelöst. Seit den Morgenstunden untersuchen Spezialisten mit einem riesigen Hubsteiger die Turmspitze.

Von Carsten Friese
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Heilbronn - Auch die intensive Inspektion der an drei Stellen abgebrochenen Kreuzblume am Kiliansturm hat heute Morgen das Rätsel um den Steinschlag vom 10. April (wir berichteten) nicht gelöst. „Wir bewegen uns an der Grenze unseres Wissens“, sagte Konservator Albert Kieferle nach der genauen Prüfung in rund 40 Meter Höhe mit einem Hubsteiger. Das Schadensbild sei nicht ohne Weiteres zu erklären. Witterungseinflüsse schließen die Experten zwar nicht aus. Man sei auf der Ostseite, wo es starke Temperaturschwankungen gebe. Intensive Befeuchtung und Frost seien aber eher auf der Westseite zu erwarten.



„Das Ganze ist nicht konsistent“, sagte Friedrich Grüner, Referatsleiter für die Erhaltung historischer Bauerwerke in der Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart.

Intensive Sanierung

An jenem verkaufsoffenen Sonntag im April waren am Nachmittag bis zu zwei Kilogramm schwere Bruchstücke vom Kiliansturm auf die Kaiserstraße gefallen. Verletzt wurde glücklicherweise niemand. Zwischen 2002 und 2005 war der Kiliansturm intensiv saniert worden. Gerade deshalb ist es der Kirchengemeinde und Konservator Albert Kieferle so unerklärlich, weshalb die aus dieser Zeit stammende junge Kreuzblume an drei Stellen abbrach.

Hinweise, dass ein Gegenstand auf die Kreuzblume gefallen ist, gibt es ebenfalls nicht. Der sehr frische Bruch ohne nennenswerte Verschmutzung muss sich nach Angaben von Konservator Kieferle „in einem sehr kurzen Zeitraum gebildet“ haben. Jetzt sollen mathematische Modelle mit spezieller Software herangezogen werden, in die wichtige physikalische Komponenten des Sandsteins sowie die Geometrie eingespeist werden und dann Belastungen durch Druck, Feuchtigkeit oder Hitze simuliert werden. „Das sind rein mathematische Rechnungen“, die durch Laborversuche überprüft seien, sagte Grüner.

Die Modelle sollen erhellen, wann und wo es zu Rissbildungen kommen kann. Ein Zeitrahmen für die Simulationen steht noch nicht fest. Kieferle: „Das wird schon etwas länger dauern.“

Untersuchungen gehen weiter

Am Nachmittag setzen die Spezialisten ihre Arbeit fort und prüfen an allen Seiten des Kiliansturms, ob es weitere Schäden am Mauerwerk oder an den mehr als 1000 verzierten Sandsteinen gibt. Zwei Fassadenkletterer einer Besigheimer Firma sind zusätzlich im Einsatz, die sich an der Nordseite mit Notizbrett und Eimer Meter um Meter abseilen. Hier kommt der Hubsteiger nicht heran, weil er wegen der Stromleitungen der Stadtbahn in der Kaiserstraße nicht aufgestellt werden kann.

Auf 5000 bis 6000 Euro beziffert Kirchenpfleger Rolf Krieg die Kosten für einen Tag Einsatz der Spezialisten.Weil die Hintergründe des Steinschlags unklar seien, mache man nun „den fünfjährigen Routinecheck“, erklärt Krieg die umfangreiche Inspektion.
 
Während die Experten in 40 bis 60 Meter Höhe ihre Arbeit verrichten, halten viele Passanten am Boden an, blicken nach oben und sehen dem Spektakel am Turm zu. „Mir wird hier unten beim Zusehen schon schwindelig“, sagt ein 64-jähriger Heilbronner. „Alle Achtung“, zollt er den Gutachtern Respekt. Die Inspektion nach dem Steinschlag findet er richtig. Auch am Freiburger Münster und am Kölner Dom gebe es ja ähnliche Probleme.