Nach Brandanschlag auf türkische Gemeinde fällt heute das Urteil

Heilbronn/Lauffen  Das Landgericht muss am heutigen Freitag in einem schwierigen Indizienprozess entscheiden. Verurteilt es die jungen Kurden für die nächtliche Gewalttat oder kommen die Angeklagten wieder auf freien Fuß?

Von Carsten Friese

Zerstörte Fensterfront der Moschee in Lauffen
Am Tag danach: die zerstörte Fensterfront der Moschee in Lauffen. Foto: Kinkopf

Haftstrafen oder Freispruch für die jungen Angeklagten? Mit großer Spannung wird heute im Prozess um den Brandanschlag auf einen Gebäudekomplex einer türkischen Gemeinschaft in Lauffen vor dem Heilbronner Landgericht das Urteil erwartet. Das Gericht muss in einem schwierigen Indizienprozess eine Entscheidung fällen. Und die Verhandlung hat gezeigt, dass die Beweislage nicht gerade sehr dicht ist.

Angeklagt sind drei junge Kurden im Alter von 20 bis 24 Jahren. Sie sollen in einer Märznacht 2018 mit Steinen und aus leeren Bierflaschen gebauten Brandsätzen den Gebäudekomplex der Milli-Görüs-Gemeinschaft attackiert haben – ein Gebäude, in dem im Erdgeschoss der Imam mit seiner Frau und in höheren Stockwerken weitere 51 Menschen lebten.

Die Tatzeit: 1.45 Uhr. Mindestens ein Brandsatz erreichte den Flur des Gebäudes. Da dort kaum Brennbares stand, breiteten sich die Flammen jedoch nicht aus und konnten von einem Gemeindemitglied gelöscht werden. Im Internet war kurz danach ein Videofilm vom Tatort aufgetaucht, in dem der Anschlag als Art Racheakt für einen Militärschlag der türkischen Armee gegen die kurdische Stadt Afrin bezeichnet wurde.

Am Tatort fanden Ermittler nur Mischspuren mit Einzelmerkmalen der Angeklagten

Die Ermittler fanden DNA-Mischspuren am Tatort mit einzelnen Genmerkmalen der Angeklagten – auf einem der Steine, auf einem Feuerzeug und einem T-Shirt-Rest, mit denen die Brandsätze als Lunte bestückt worden waren. Allerdings: Die Spuren können nicht eindeutig den Angeklagten zugeordnet, die Trefferwahrscheinlichkeit lässt das nicht zu.

Gesichter sind auf dem Video nicht erkennbar. Und auch die Bewegungsprofile der Handys der drei Kurden belegen zwar emsige Betriebsamkeit vor und nach der Tatzeit, zeigen ihre Bewegungen im Bereich Heilbronn und Brackenheim. Zum Tatzeitpunkt gibt es jedoch keine Erkenntnisse – auch keine Belege, dass die drei in Lauffen waren. Bei Kurden-Demonstrationen gegen die Politik der Türkei waren sie indes öfter mit dabei. 

Sieben Jahre Haft für den ältesten Angeklagten hat die Staatsanwältin gefordert, etwas über vier Jahre für die jüngeren Angeklagten. Sie wirft dem Trio versuchten Mord vor. Alle Verteidiger hatten aufgrund der schwachen Beweislage dagegen auf Freispruch plädiert. Die Staatsanwaltschaft habe „nur Vermutungen und Thesen“, aber keine Beweise, hatte Anwältin Sophie Bechdolf-Reif kritisiert.