Missbrauchsopfer unter Druck

Beilstein  Beilstein - Ein Seelsorger der evangelischen Landeskirche versucht, die Missbrauchsvorwürfe gegen die Spätregenmission in Beilstein aufzuarbeiten. Peter W. (Name geändert), der als Kind mehrere Jahre in Beilstein missbraucht worden war und sich der Stimme offenbart hatte, zweifelt am Erfolg des Aufarbeitungsprozesses.

Von unserem Redakteur Reto Bosch

Missbrauchsopfer unter Druck
Im Glaubenshaus Libanon in Beilstein leben etwa 100 Mitglieder der Spätregenmission. Der Standort fungiert als Europazentrale.Foto: Archiv/Sawatzki

Beilstein - Ein Seelsorger der evangelischen Landeskirche versucht, die Missbrauchsvorwürfe gegen die Spätregenmission in Beilstein aufzuarbeiten. Einige Opfer haben sich bereits gemeldet. Peter W. (Name geändert), der als Kind mehrere Jahre in Beilstein missbraucht worden war und sich der Stimme offenbart hatte, zweifelt am Erfolg des Aufarbeitungsprozesses. Er berichtet von anhaltendem Druck, der auf ihn ausgeübt werde. Inzwischen gibt es auch ein Gerichtsurteil gegen einen Spätregen-Prediger: Der 73-Jährige wurde in Südafrika zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er ein Mädchen elf Jahre lang sexuell missbraucht hatte.

Vertuscht

Peter W. wurde in den 70er Jahren über einen längeren Zeitraum hinweg sexuelle Gewalt angetan. Ähnliche Erfahrungen machten in Beilstein wohl auch andere Jungen. Der aktuelle Spätregen-Vorsitzende Martin Illig räumte der Stimme gegenüber ein, dass die Taten intern vermutlich bekannt waren, aber vertuscht worden sind. Weitere Missbrauchsvorwürfe gegen Spätregen-Mitglieder gibt es in den Niederlanden und der Schweiz. In Südafrika hat das Landgericht in Somerset West vergangene Woche einen heute 73-jährigen Prediger verurteilt.

Zwang

Nach einem Bericht der südafrikanischen Wochenzeitung "Rapport" hatte der Mann sein Patenkind vom dritten Lebensjahr an missbraucht. Von 1986 bis 1997. Die heute 30-Jährige berichtete der Zeitung, sie habe ihre Familie und die Spätregenmission in Jatniel angefleht, etwas gegen ihren Onkel zu unternehmen. "Sie zwangen mich, auf die Knie zu gehen, meine Reue über meinen Anteil am Missbrauch zu äußern und dann meine Sünden zu beichten", sagte sie der Zeitung. Sie wolle keine Rache, sondern dass auch die Spätregenmission die Verantwortung für den Missbrauch übernehme. Mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen und jene von Leidensgenossen glaubt Peter W. genau daran nicht. Nämlich dass die Mission bereit ist, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Egal, ob es um Taten in Südafrika oder Europa geht. "Am Kern der Sache muss die Mission aktiv werden und etwas verändern, was jedoch nicht geschehn wird. Sie macht weiter wie immer."

Anwalt

Die Heilbronner Stimme hat mehrfach versucht, über den von der Glaubensgemeinschaft beauftragten Anwalt Informationen zum Stand des Verfahrens zu bekommen. Ohne jeden Erfolg. Eine Nachfrage bei Hansjörg Hemminger, Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Landeskirche, bringt etwas Klarheit. Seinen Angaben zufolge kümmert sich ein "erfahrener Seelsorger" der Landeskirche um die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe. Opfer könnten sich völlig anonym melden − was in einigen Fällen auch schon geschehen sei.

Bericht

Hansjörg Hemminger, er wurde von der Mission mit Bekanntwerden der Vorwürfe eingeschaltet, geht davon aus, dass er selbst in Zusammenarbeit mit dem Beauftragten die Ergebnisse zusammenfassen und der Öffentlichkeit vorstellen wird. "Auf mich wirkt das Vorgehen in dieser Sache seriös", erklärt er. Der Bericht werde in einigen Monaten vorliegen. Sind finanzielle Entschädigungen vorgesehen? Eine Antwort auf diese Frage gebe es noch nicht. Die Spätregenmission wolle abwarten, wie sich die Opfer zu diesem Thema stellen.