Keine Anhaltspunkte für konkreten Missbrauch von Kindern

Heilbronn  Im Fall des ehemaligen Leiters eines Heilbronner Kindergartens erklären Polizei und Amtsgericht die lange Dauer zwischen Hausdurchsuchung und Anklageerhebung mit vielen derartiger Fälle und umfangreichen zu untersuchenden Datenmengen.

Von Alexander Klug

 

Insgesamt 10 000 Bilder und 900 Videos mit kinderpornografischen Inhalten haben Ermittler der Polizei auf dem privaten Computer des ehemaligen Leiters eines Heilbronner Kindergarten gefunden – Mitte März steht der 30-Jährige vor dem Amtsgericht Heilbronn, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. Sein Arbeitgeber, die evangelische Gesamtkirchengemeinde Heilbronn, habe am 8. Januar von der Anklage erfahren und ihren Mitarbeiter von der Arbeit freigestellt – die Hausdurchsuchung war 2016.

Zusammenhänge zwischen Fotos und Umfeld unklar

Ob der Mann abseits der bei ihm gefunden Daten illegale Handlungen an Kindern vorgenommen hat, sei nicht untersucht worden, ebenso Zusammenhänge zwischen Fotos und Umfeld. „Für Nachforschungen zum Beispiel unter Eltern fehlen die Anhaltspunkte“, sagt der Heilbronner Amtsrichter und Gerichtssprecher Alexander Lobmüller. Die Anklage beruhe ausschließlich auf dem Material, das auf dem Rechner des Angeklagten gefunden wurde. Zumal das gefundene Material viele Tausend Fotos umfasse, auf dem 200 bis 300 Kinder zu sehen seien. „Das zu untersuchen, ist mit den zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen nicht zu leisten.“ Gerade zu diesen Delikten gebe es viele andere Fälle, zudem müssten Kapitalverbrechen wie Mord bei den Ermittlungen vorgehen.

Die Anklage lautet auf Verbreitung, Erwerb und Besitz von kinderpornografischem Material. Der Besitz kann laut Gesetz mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Da der Mann offenbar auch Fotos und Videos verbreitet hat, seien bis zu fünf Jahre Haft möglich. Laut Aktenvermerk habe die Polizei im November 2017 über den Fall mit dem Arbeitgeber gesprochen, Gerichtssprecher Alexander Lobmüller hält aber auch frühere Gespräche für möglich. Der Mann ging den Fahndern ins Netz, als er Bilder auf einer Tauschbörse im Internet tauschen wollte. Der Tauschpartner war ein Ermittler der Kriminalpolizei.

Steigende Tendenz solcher Fälle

Insgesamt 28 Fälle von Straftaten im Bereich der Kinder- und Jugendpornografie habe es 2016 gegeben – die Zahlen fürs abgelaufene Jahr stünden noch nicht zur Verfügung, meint Polizeisprecher Rainer Köller. „Aber eine ansteigende Tendenz ist festzustellen.“ Die Ermittler müssten deutlich mehr Zeit für die Auswertung der Daten aufwenden, so sei auch die Dauer der Ermittlungen im vorliegenden Fall zu erklären. „In Form seines Smartphones hat heutzutage jeder einen vollwertigen mobilen Computer in der Hand. Die Datenmenge hat dadurch rapide zugenommen.“ Oft stoßen die Polizisten durch Ermittlungen in anderen Fällen auf Kontakte und Netzwerke, „der Grad der Vernetzung ist in solchen Kreisen hoch“, erläutert der Sprecher. Aber auch bei Durchsuchungen in anderen Kontexten würden solche Daten gefunden.

Kinderarzt: Veränderungen im Verhalten bemerken

„Ich muss zwischen mir als Vater und als Kinderarzt unterscheiden“, sagt der Heilbronner Kinderarzt Wolfgang Schober. Als Vater würde er ähnlich alarmiert reagieren wie die betroffenen Eltern. „Das ist ein hochemotionales Thema. Aber es muss nicht zwangsläufig körperlicher Missbrauch passiert sein, selbst wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellen.“ Missbrauch beginne für ihn nicht erst, wo es ums Körperliche geht. „Er passiert generell dort, wo die Integrität des Kindes verletzt wird, auch durch Worte oder Verhaltensweisen.“ Hinweise auf Missbrauch erlebe er im Kinderarztalltag regelmäßig. „Missbrauch führt sehr oft zu Veränderungen im Verhalten des Kindes, zum Beispiel Schlafstörungen oder im sozialen Kontakt.“ Darauf sollten Eltern auf jeden Fall sensibel reagieren.

„Als Mutter erschrickt man natürlich, wenn man so etwas hört“, sagt die Heilbronner Kinderpflegerin Anja Seeberger. „Wenn die Vorwürfe sich als zutreffend herausstellen sollten, ist das eine Katastrophe für die Einrichtung, weil sie den Erzieher noch so lange mit den Kindern haben weiterarbeiten lassen.“ Außerdem finde sie es merkwürdig, dass niemand davon gewusst haben will. Sie denke aber auch an den 30-jährigen Angeklagten. „Noch hat das Gericht kein Urteil gesprochen. Und sollten sich die Vorwürfe als falsch herausstellen, ist es eine Katastrophe für ihn.“