Gewalt beschäftigt Amorbach und Plattenwald

Neckarsulm - Mehrere unbekannte Personen schlugen in der letzten Nacht in Neckarsulm-Amorbach einen 41-jährigen Mann nieder und verwüsteten anschließend seine Wohnung. Laut Polizei soll sich der Überfall gegen 2.30 Uhr ereignet haben. Das Opfer ist geistig behindert.

Von Sara Furtwängler und Christian Gleichauf


Es wird darüber gesprochen“, sagt eine 56-jährige Amorbacherin. Nach den Gewalttaten im Ort sei die Besorgnis groß. „Ich traue mich abends nicht alleine vor die Türe“, sagt sie. Die Messerstecherei zwischen Jugendlichen im Oktober, der brutale Angriff auf einen 48-Jährigen im März, der Handtaschenraub am vergangenen Sonntagabend. Und jetzt in der Nacht auf Freitag der Überfall auf einen geistig Behinderten (Artikel unten). Taten, die die Bewohner der benachbarten Ortsteile Neckarsulm-Amorbach und Bad Friedrichshall-Plattenwald schockieren.

An den Geschäften rund um den Europaplatz im Plattenwald hängen Plakate der Polizei, die zur Mithilfe aufruft. Eine 35-Jährige packt gerade ihre Einkäufe aus dem Netto-Markt ins Auto. „Wenn meine Tochter zu spät von der Schule kommt, schrillen bei mir schon die Alarmglocken“, erzählt sie.



Bei den Tennisplätzen am Waldgrundstück zwischen der Amorbacher Sonnenhalde und dem Plattenwald treffen sich regelmäßig Jugendliche „zum Alkoholtrinken“, erzählt Linda Bidigon. Sie holt ihre Tochter von der Schule ab, weil sie nicht möchte, dass die Zehnjährige auf dem Weg nach Hause alleine dort entlang läuft. Die 43-Jährige kann sich nicht vorstellen, dass niemand etwas über die Taten weiß. Sie glaubt, „dass die Leute Angst haben“ und deshalb kaum Hinweise bei der Polizei eingehen. Ein 59-Jähriger beschreibt die Stimmung in den Orten so: „Wut darüber, dass so etwas hier passiert, Besorgnis um die Angehörigen und Enttäuschung darüber, dass die Polizei noch keinen Täter gefunden hat.“ Er fordert mehr zivile Polizeipräsenz.

Von viel Polizeipräsenz in den vergangenen Wochen berichten Jugendliche. Fast alle angesprochenen jungen Leute gaben an, vernommen worden zu sein. Einige mussten Alibis angeben. „Weil ich zur Tatzeit nicht in der Schule war, haben Beamte meinen PC einkassiert, um zu überprüfen, dass ich zur gefragten Zeit online war“, erzählt ein 15-jähriger vor dem Jugendtreff 23. Viele äußern Verständnis für die Polizeiarbeit, fühlen sich aber trotzdem kriminalisiert. Als „angespannt“, beschreibt ein 18-Jähriger die Lage: „Man will wissen, wer so etwas macht.“ Er bezeichnet Amorbach und den Plattenwald als soziale Brennpunkte, weil hier so viele Kulturen zusammenlebten.

Zahlen

Die Kriminalitätsstatistiken bestätigen allerdings nicht, dass es unsicherer geworden ist – weder in Amorbach noch im Plattenwald. Im Friedrichshaller Ortsteil gab es mit 140 Straftaten weniger Fälle als im Vorjahr. „Die Körperverletzung ging sogar um die Hälfte zurück“, erläutert der Neckarsulmer Revierchef Bernhard Mai. In Amorbach stiegen die Fallzahlen von 134 im Jahr 2009 auf 180 im Jahr 2010. Sie lassen sich aber durch eine auffällige Zunahme bei den Sachbeschädigungen erklären. Ein inzwischen gefasster Grafitti-Sprayer war allein für 14 Delikte verantwortlich.

Trotzdem fürchtet Neckarsulms Oberbürgermeister Joachim Scholz den Imageverlust für den Teilort und warnt vor Vorverurteilungen. Als nicht nachvollziehbar bezeichnet Scholz die Wertung eines Richters „im fernen Heilbronn“, in Amorbach bestünde eine Parallelgesellschaft. „Das ist völlig daneben“, kritisiert das Stadtoberhaupt. „Dieser Einzelfall lässt es nicht zu, von einer Parallelgesellschaft zu reden.“

Amorbach: Geistig behinderter Mann beraubt

In der Nacht auf Freitag hat sich in der Amorbacher Straße in Neckarsulm-Amorbach ein Raub ereignet. Opfer war ein 41-jähriger geistig behinderter Mann. „Die Befragung des Opfers sei schwierig“, sagt Polizeisprecher Harald Schumacher. Trotzdem gehe man davon aus, dass das Delikt im Bereich eines Lokals in der Amorbacher Straße begangen wurde.

Tatverdächtig sind mehrere bislang unbekannte Personen. Sie haben dem 41-Jährigen zunächst ins Gesicht geschlagen und den Mann so gezwungen, seinen Wohnungsschlüssel herauszugeben. Danach gingen die Täter zu der Wohnung des Mannes in Bad Friedrichshall-Plattenwald, verwüsteten diese und ließen wohl eine Kamera und ein Telefon mitgehen. Ob der Geistigbehinderte ebenfalls mit zu seiner Wohnung ging, steht nicht fest.

Einzelheiten zu Tatverdächtigen sind noch nicht bekannt. Der 41-Jährige wurde am Freitagmorgen zur Nachsorge vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht. „Er hat aber keine ernsteren Verletzungen“, teilte Harald Schumacher am Freitag mit. Die Heilbronner Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen.


Weitere Raubüberfälle

Bereits letzten Sonntag wurde eine Frau aus Bad Friedrichshall-Plattenwald Opfer eines Gewaltverbrechens. Die 37-Jährige war zu Fuß beim Geldautomaten der Volksbank in Amorbach, hatte dort 50 Euro abgehoben. Auf dem Rückweg wurde sie von Unbekannten beraubt.

Etwa vier Wochen ist es her, dass mutmaßlich jugendliche Täter im Waldstück zwischen Sonnenhalde und Plattenwald einen 48-Jährigen so schlimm mit Tritten und Schlägen attackiert hatten, dass dieser mehrere Tage im künstlichen Koma lag.

Hinweise zu allen Fällen werden von der Kripo Heilbronn unter der Telefonnummer 07131/104-4444 erbeten. red



Überfallserie in Amorbach - März/April 2011 auf einer größeren Karte anzeigen