Eine (Heil)Bronner Erfolgsgeschichte

Heilbronn  Als der jüdische Seifensieder Emil Heilbronner in der NS-Zeit Heilbronn verließ und in die USA auswanderte, hatte er eine legendäre Idee. Mit seiner flüssigen Pfefferminz-Seife landete er einen Hit. Heute betreiben die beiden Enkel die weltweit erfolgreiche Bioseifenfirma.

Von unserem Redakteur Adrian Hoffmann

 

Mike (links) und sein Bruder David Bronner sind die Enkel des aus Heilbronn stammenden Seifenfabrikanten Emil Bronner, hier auf der Biofachmesse in Nürnberg. Fotos: Adrian Hoffmann/privat

 

 

Es war mehr oder weniger Zufall, dass Mike Bronner vor wenigen Jahren einen Zwischenstopp in Heilbronn eingelegt hatte. Er war mit seinem Mietwagen gerade von der Nürnberger Biofachmesse auf dem Rückweg zum Frankfurter Flughafen, als er „Heilbronn“ auf dem Autobahnschild erspähte – und sich dachte: Fahre ich eben mal nach Heilbronn.
 
Eigentlich eine längst überfällige Sache. Mike Bronners jüdischer Großvater Emil ist in Heilbronn geboren und aufgewachsen, hat dort in den 1920er Jahren im elterlichen Betrieb – einer Seifensiederei in der Salzstraße – mitgearbeitet. Mike Bronner wollte sehen, wie es dort aussah und wo genau die Siederei in Heilbronn damals war. Auf Spurensuche gehen. Ist das Fabrikgebäude heute überhaupt noch existent?
 
Rostige Maschinen

Als der Antisemitismus immer größer geworden war, hatte sich Emil Bronner im Alter von nur 21 Jahren entschlossen, in die USA auszuwandern. Seine Eltern blieben zurück. Wenig später wurden sie in Konzentrationslager deportiert und ermordet – sein Vater in Theresienstadt, seine Mutter in Auschwitz. Mike Bronner weiß vieles über seine Familiengeschichte, aber vor Ort in der Heimat seines Großvaters war er nie zuvor.
 
Um in Heilbronn überhaupt die Adresse der früheren Siederei herauszufinden, rief er an jenem denkwürdigen Februartag ganz aufgeregt bei seiner Familie in Kalifornien an. Und die brachte schnellstens in Erfahrung: Salzstraße 60. Bronner fuhr direkt hin, unterstützt vom Navigationsgerät im Mietwagen, und dort angekommen traf er auf Nicki Frank, Sohn des heutigen Besitzers. Sogenannter Druckguss wird dort gemacht.
 

In der Schillerstraße 48 in Heilbronn lebten Emil Bronner und seine Eltern. Auf dem Gehweg sind 2010 zur Erinnerung an seine Eltern Stolpersteine verlegt worden.


Frank sah Mike Bronner durch ein Fenster spähen und fragte ihn erst verwundert: „Was machen Sie auf dem Betriebsgelände?“ Doch dann war schnell klar, wen er vor sich hatte. Frank bot Mike Bronner an, ihm das Gebäude zu zeigen. Im Keller lagerten Überreste aus früheren Tagen; alte Seifenmaschinen, überzogen von Rost. Bronner war begeistert. „Es war einfach gut, nach Heilbronn zurückzukommen“, sagt er heute über diesen Besuch.
 
Millionenumsatz

Wenn Mike Bronner in Deutschland ist, dann meist nur in Nürnberg, weil dort jeden Februar die Biofachmesse stattfindet. Er wirbt für seine Produkte. „Jedes Mal ist es dunkel und kalt in Deutschland“, sagt der 37-Jährige, dem trotzdem die gute Laune ins Gesicht geschrieben steht. „Nie hat ein Biergarten offen.“

Bronner lebt mit seiner Familie in Escondido im San Diego County, Kalifornien. Diese 140 000-Einwohner-Stadt liegt ganz im sonnigen Süden des US-Bundesstaates und ist seit Bestehen des Unternehmens auch der Firmensitz.
 
Mike Bronner ist Vize-Präsident von Dr. Bronner Magic Soaps, sein Bruder David ist der Präsident. Das Unternehmen macht einen Jahresumsatz von rund 50 Millionen Dollar. Als Emil Bronner im Jahr 1997 starb, waren es noch vier Millionen. Auch in deutschen Drogeriermärkten gibt es die Seifen im Handel.
 
Moralisches ABC

Diese Erfolgsstory ist mehr als außergewöhnlich und hat sehr viel mit Emil Bronners Leben zu tun. Emil Bronner hieß ursprünglich Emanuel Heilbronner, seine Eltern Berthold und Franziska Heilbronner. Emil strich nach der Auswanderung das „Heil“ aus seinem Namen, als Reaktion auf Adolf Hitlers Aufstieg.
 

Mike Bronner bei Nicki Frank in der früheren Seifensiederei in der Salzstraße.

Mike Bronner erzählt, es habe danach noch ein Treffen von Emil und seinen Eltern in der Schweiz gegeben. Er wollte sie überzeugen, mit in in die USA zu kommen. Doch sie wollten nicht. Das mit Hitler würde sich bald erledigen, meinten sie. Das war das letzte Mal, dass er sie gesehen hat. Er hatte später nur noch einen Brief aus dem Konzentrationslager bekommen. Fast alles darauf geschwärzt, nur folgende Worte nicht: „Du hattest recht. Dein dich liebender Vater.“
 
Während Emil Bronner in seinen frühen Jahren nur ein politischer Aktivist war, hat ihn der Verlust seiner Eltern extremer gemacht. Nicht im negativen Sinne. Aber er machte es sich fortan zur Aufgabe, seine Sicht der Dinge zu verbreiten. Er hatte eine Vision, und die hieß: Weltfrieden. Emil Bronner entwickelte das sogenannte „Moralische ABC“.
 
Seine Überzeugung wurde es, dass alle Menschen auf dieser Welt – dem Spaceship Earth, wie er zu sagen pflegte – sich nicht wegen ihrer Religionen bekriegen sollten. Er proklamierte deshalb seine Idee eines Völker verbindenen Glaubens, des „All-One-God-Faith“. Die Menschen müssten lernen, sich das Spaceship Earth zu teilen. „Coexist“, hieß sein Zauberwort. Die Hippies sollten Jahre später auf seine Lehre abfahren, aber bis dahin dauerte es noch eine ganze Weile. Wegen eines Nervenzusammenbruchs landete er 1947 sogar einmal in einer psychiatrischen Einrichtung und wurde Schockbehandlungen ausgesetzt.

Schmaler Grad

Die Elektroschocks „kurierten“ ihn nicht. Nach dem Aufenthalt im Hospital, das er mit einem Konzentrationslager verglich, machte er sich auf nach Los Angeles, wo er die Seifensiederei fortsetzte – und mit seiner flüssigen Pfefferminz-Seife einen Hit landete.

Emil Bronner erblindete früh und trug lange Jahre seines Lebens Sonnenbrille.

Bronner hatte festgestellt, dass ihm immer noch kaum einer zuhören wollte, wenn er seine Weltanschauung preisgab, aber alle seiner Freunde in die Pfefferminz-Seife vernarrt waren. So kam ihm die Idee, sein „Moralisches ABC“ einfach auf das Etikett zu drucken. In den 60er Jahren wurde sie zum Bestandteil eines jeden Hippie-Haushaltes in den USA. „Es riecht, als hätte jemand ein Pfefferminz-Bonbon in meine Unterhose gesteckt“, schrieb einst ein erfreuter Kunde.
 
„Es ist eben ein schmaler Grad zwischen Genie und Wahnsinn“, sagt Mike Bronner mit einem Augenzwinkern.
 
Marktführer

Die Seife wurde seit den 60ern zunehmend erfolgreicher, die Produktpalette größer. Bis heute sind Bronners Ansichten auf dem Etikett zu finden, und das wird auch so bleiben. „Damit man unter der Dusche etwas zu lesen hat“, wie Enkel Mike Bronner sagt. Dr. Bronner Magic Soaps sind inzwischen Marktführer im amerikanischen Segment Bioseifen.
 
Er sei von seinem Großvater nie als Kind behandelt worden, nicht einmal mit einer Tüte Eiskreme in der Hand, erinnert sich Mike Bronner. Sein Großvater habe stattdessen stets seine Überzeugungen auf ihn eingeredet. „Ich habe den Mann leider nie richtig kennengelernt“, sagt Bronner weiter. So sei Emil eben gewesen.
 
Nächstes Jahr will Mike Bronner unbedingt nochmal Heilbronn besuchen. Vielleicht kommt auch ein Teil seiner Familie mit. Das Familienhaus seiner Urgroßeltern in der Schillerstraße hat noch keiner von ihnen gesehen. Mike Bronner war ganz erstaunt, als er gehört hat, dass zur Erinnerung an sie 2010 Stolpersteine verlegt worden sind. „Die Leute in Heilbronn sind nett, ich habe keine Ressentiments“, sagt er am Ende des Besuchs.

 

Hintergrund: Dr. Bronner Magic Soaps

Mike und David Bronner, die Erben der bekannten Seifensiederei, haben bislang jedem Kaufangebot durch Dritte widerstanden. Sie verzichten auf Werbung und Handelsvertreter. Die Chefgehälter liegen maximal fünfmal höher als die des einfachsten Mitarbeiters. 70 Prozent des Profits fließen wohltätigen Projekten zu. Es werden nur organische und fair gehandelte Produkte verwendet. 2007 hat das Unternehmen eine eigene Bio- und Fair-Trade-Palmölplantage in Ghana aufgebaut.